Das Museum als digital-analoger Erfahrungsraum

Ich bin in Georgien. Genauer gesagt befinde ich mich in Tiflis. Hier entwickele ich für das Goethe Institut ein Konzept für einen Teil eines Museums in der Kleinstadt Bolnissi. Die letzten beiden Tage war ich vor Ort und habe mit einem interdisziplinären Team an einem Vermittlungs- und einem Raumkonzept gearbeitet. Das Museum beschäftigt sich mit der Geschichte Georgiens im Allgemeinen und der Geschichte der Region um Bolnissi im Speziellen. Erstere beginnt bereits vor 1,8 Millionen Jahren und letztere ist u.a. durch die Siedler interessant, die aus der Region um Ulm kamen und für einige Dekaden hier lebten. Der Ort hieß damals Katharinenfeld.

Die Ausstellung an sich ist fertig und das Museum wird sehr bald eröffnet. Meine Aufgabe war es nun, einen weiteren Raum zu entwickeln, der eine Mischung aus Medienraum und Vermittlungsort sein soll. Es ging also um die Entwicklung eines digital-analogen multioptionalen Erfahrungsraums. Ich finde diesen Ansatz vor allem aus zwei Gründen wichtig. „Digital-analog“ bedeutet, dass Technologien zwar vorhanden sind, sie aber keine herausragende Bedeutung spielen. Der Raum soll nicht spannend, nicht interessant sein, nur weil man dort mehr oder weniger aktuelle Technologien ausprobieren kann. Wir alle existieren in digital-analogen Lebensrealitäten und ein Museum sollte in der Lage sein, Teil dieser Lebensrealitäten zu werden. Das macht die Aufgabe nicht unbedingt einfacher, denn die digital-analogen Lebensrealitäten von Menschen können sehr unterschiedlich sein. Die jeweiligen Angebote müssen also mit der daraus resultierenden Diversität umgehen können.

Aber auch die beiden anderen Worte sind relevant: der „multioptionale Erfahrungsraum“. Zum einen geht es also darum, eine Vielzahl an Optionen zu haben. Das bedeutet, es gibt weder inhaltlich noch formell nur einen richtigen Weg. Vielmehr kann ich verschiedene Formate ausprobieren und ebenso verschiedene Perspektiven auf die Inhalte des Museums einnehmen. Und Erfahrungsraum meint, dass die einzelnen Inhalte erfahrbar gemacht werden. Es geht nicht mehr nur darum, Informationen zu bekommen. Es geht darum, die jeweiligen Inhalte in meine Kontexte zu übersetzen bzw. sie erfahren zu können.

In diesem Workshop ging es nun darum, diesen Ansatz sowohl auf die Formen der Vermittlung als auch auf die Ausgestaltung des Raumes anzuwenden. Natürlich nutze ich dabei in Teilen wieder Spielmechaniken. Hier kommen sie sowohl bei der Analyse/Vorbereitung als auch beim eigentlichen Entwicklungsprozess zum Tragen.

Nach zwei Tagen haben wir nun ein grundsätzliches Konzept für die Arbeit dieses Teils des Museums. Ich habe vorab bestimmte Parameter definiert, die wir bei der Entwicklung beachten wollten. Ein wichtiger Punkt war das Thema Zeit: wir haben Zeitfenster bzw. Aufmerksamkeitsphasen definiert. Für jede dieser Abschnitte sollte es eigene Interventionen geben. So haben wir Interventionen für die Dauer von 15 Minuten, von einer Stunde und von drei Stunden entwickelt. Gerade der erste Punkt ist wirklich kompliziert, denn innerhalb von 15 Minuten muss nicht nur eine Aktivität stattfinden. Auch das On- und Off-Boarding muss in diesem Zeitraum stattfinden. Ebenso sollte es sich um eine interaktive Intervention handeln, bei der die Besucher etwas mitnehmen können. Schließlich muss auch berücksichtigt werden, dass Besucher vielleicht wiederkommen und etwas Neues erleben möchten oder aber, dass sie gleich weitermachen möchten. Es muss also verschiedene Varianten und eine Anbindung an andere Interventionen geben.

Dies war nur ein Parameter, mit dem wir uns beschäftigt haben. Wenn ich wieder zu Hause bin werde ich alle Interventionen in ein Gesamtkonzept übersetzen. Dieses wird dann vor Ort umgesetzt, wobei ich noch viele Monate via Skype als Berater aktiv bin.

Dieser Ansatz, mit Parametern und Motivationsportfolios Erfahrungsräume zu schaffen, ist etwas, was ich schon in verschiedenen Kontexten umgesetzt habe. Auch bei Transformationsprozessen kommt dieser Ansatz zum Tragen, Dabei entwickele ich verschiedene Veränderungs-Patterns, die dann variiert werden können. So entstehen z.B. Ziel- und Feedbacksysteme.

Heute Abend habe ich noch ein abschließendes Abendessen, bei dem wir nochmal die nächsten Schritte durchgehen. Und danach geht es sehr spät zurück nach Deutschland – mein Flug geht um 05:45h…

Beste Grüße

Christoph Deeg

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