Das Narrativ der Transformation – Teil 1: Reflektion über Transformation

Veränderung bzw. Transformation ist keine Projektarbeit und kein Stream auf einer ToDo-Liste. Veränderung bzw. Transformation ist anstrengend und kostet Energie. Und jedes System, jede Organisation entwickelt im Laufe der Zeit eigene Transformations-Rituale und -Sichtweisen. Diese ergeben irgendwann ein Narrativ der Transformation und dieses Narrativ hat eine große Bedeutung.

Digitalisierung als Kulturthema

Vor ein paar Jahren machte ich in einem meiner Projekte eine sehr interessante Entdeckung. Für einige Mitglieder einer Organisation, die ich im Kontext der Digitalisierung beraten und begleiten durfte, war der Begriff der digitalen Transformation an sich schwierig. Es war noch gar nichts passiert und doch wurde „Transformation“ in Teilen negativ gesehen. Ich überlegte intensiv, woran dies liegen könnte und es brauchte einige Gespräche und Diskussionen, bis ich das Problem gefunden hatte: Der Begriff der (digitalen) Transformation ist nicht neutral. Denn wann immer wir uns mit diesem Thema beschäftigen, besteht die Gefahr, dass die einzelnen Protagonisten des Prozesses als Opfer einer technologischen Revolution wahrgenommen werden. Aber es ist nicht die Technologie, die irgendetwas ändert. Es sind nicht irgendwelche Maschinen, die einen Druck auf Organisationen ausüben. Und es geht auch nicht darum, sich an die Logik von Maschinen anzupassen. Letztlich gesehen haben Maschinen mit dieser ganzen Thematik verhältnismäßig wenig zu tun. Die digitale Transformation handelt von menschlichem Denken, durch Menschen entwickelte und gelebte Kultur, und von Prozessen, bei denen Menschen versuchen, mittels digitaler Technologien den nächsten Evolutionsschritt zu gehen. Die Organisation hatte aber ein eigenes, negatives Narrativ entwickelt, welches nur in Teilen etwas mit dem Thema Digitalisierung zu tun hatte. Ich musste also lernen, mit diesem Narrativ zu arbeiten.

Digitale Transformation – das bekannte Unwesen?

Die Digitalisierung eignet sich wie kaum ein anderes Thema für kollektive und individuelle Ängste und Befürchtungen. Dies hat meiner Meinung nach vor allem den Hintergrund, dass wir als Gesellschaft nicht gelernt haben, mit Technologien im Sinne eines gegenseitigen Evolutionsprozesses umzugehen. Sei es durch die Sprache (Stichwort: „Cyberspace“) oder auch durch Darstellungen in Medien, wie z.B. dem Computer „HAL9000“ in Stanley Kubricks‘ bzw. Arthur C. Clarke‘s Meisterwerk „2001: Odyssee im Weltraum“, immer wieder wurden digitale Technologien mit eher negativen Zukunftsszenarien verbunden. Parallel wurden und werden Ängste geschürt, wenn z.B. immer wieder darauf verwiesen wird, wie viele Jobs in der Zukunft durch Maschinen übernommen und die Menschen ersetzt werden. Dabei waren es nie die Maschinen, die irgendein Problem erzeugten. Selbst HAL 9000, der immerhin beinahe die gesamte Crew des Raumschiffs tötete, war keine böse Maschine. Der Computer war vielmehr von Menschen bösartig umprogrammiert worden. Es sind nicht die Maschinen, die Probleme bereiten, es sind die Menschen, die die Maschinen nutzen, um damit Gutes oder Böses zu tun. Das bedeutet aber auch, dass die digitale Transformation bzw. die Digitalisierung nur dann gemeistert werden können, wenn wir die Verbindungen zwischen Mensch und Mensch, zwischen Mensch und Organisation und zwischen Mensch und Maschine verstehen und weiterentwickeln.

Die Digitalisierung ist also keine reine technologische, sondern vielmehr eine kulturelle Herausforderung. Vor einigen Monaten hatte ich ein längeres Gespräch mit einer wunderbaren Kollegin. Sie und ihr Team beschäftigen mit der Veränderung von Organisationen und sie verfolgen dabei einen systemischen Ansatz. Wir haben uns über ein gemeinsames Projekt kennengelernt und stellten dabei fest, dass wir in vielen Bereichen vergleichbare Ansätze haben. Noch spannender war jedoch, dass wir uns bei den Themen, bei denen wir unterschiedliche Perspektiven und Modelle haben, sehr gut ergänzen. Bei einem längeren Gespräch, beziehungsweise bei einer leckeren Tasse Darjeeling kamen wir zu dem Ergebnis, dass wir in unserer Arbeit letztlich gesehen einfach nur über Transformation sprechen. Dieses Gespräch hatte einen nachhaltigen Einfluss auf mich und meine Arbeit. Mir wurde klar, dass es bei meiner Arbeit nicht um das Digitale als Zentrum von Veränderungsprozessen geht. Vielmehr geht es um die Fähigkeit zur Transformation an sich. Mein Ausgangspunkt bzw. meine Perspektive auf dem daraus folgenden Prozess ist der der Digitalität. Und als Format beziehungsweise als Ansatz nutze ich die Logik des Spiels.

Transformation als Ritual und Geschichte

Ich habe in den letzten Wochen versucht, diese Erkenntnis weiterzudenken. Es ging dabei um die Frage, welche spezifischen Kenntnisse und Erfahrungen ich mitbringe, um Transformationsprozesse an sich gestalten zu können. Ich habe viele meiner Projekte erneut analysiert und meine Arbeit intensiv reflektiert. Und dabei habe ich viele interessante Ansätze gefunden, die mir zeigen, dass ich letztlich gesehen schon immer im Bereich der Transformation von Systemen unterwegs war. Die Digitalisierung beziehungsweise die Digitalität ist nur meine spezifische Perspektive. Gerade in der Zusammenarbeit mit Kollegen, die sich zwar auch mit Veränderungsprozessen beschäftigen, hierbei aber eine andere inhaltliche Ausgangslage haben, ergaben sich hohe inhaltliche Übereinstimmungen.

Dies mag daran liegen, dass ich das Thema Digitalisierung niemals als ein technologisches Thema wahrgenommen habe. Ich habe immer gesagt: „das Internet ist menschlich“. Und ich war immer der festen Ansicht, dass es sich bei dem Thema Digitalisierung um ein Kulturthema handelt. Ich freue mich sehr, dass ich in den nächsten Monaten Projekte und Prozesse umsetzen darf, bei denen es nicht nur um digitale Transformationsprozesse, sondern um die Umgestaltung komplexer Systeme geht. Um mich dafür vorzubereiten habe ich damit begonnen, viele neue Fragen zu stellen. Die Fragen und die Antworten, welche ich zum Teil selbst entwickelt habe, und welche ich zu einem anderen Teil in Gesprächen mit Kollegen entwickeln konnte, möchte ich auch hier auf meinem Blog zur Diskussion stellen.

Das Gespräch mit meiner Tochter

Ich beginne mit dem Thema „Das Narrativ der Transformation“. Ausgangspunkt ist ein Gespräch mit meiner Tochter. Sie ist bald vier Jahre alt und wie alle Kinder ist sie sehr neugierig. Ich habe irgendwann festgestellt, dass wir Geschichten teilen. Es sind Geschichten aus ihrem oder meinem Alltag, Geschichten aus meiner Vergangenheit und vor allem Geschichten über das, was wir gemeinsam erleben. Die Geschichten eröffnen immer neue Perspektiven und sie helfen mir u.a. meine Rolle als Vater besser zu verstehen. Wir haben ein großes Fotoalbum, in dem wir alle möglichen Situationen aus den jeweiligen Lebensjahren meiner Tochter sammeln. Wenn wir zusammen die Bilder betrachten, lernen wir die Perspektiven des Anderen kennen. Und diese Perspektiven ändern sich stetig. Wir entwickeln immer wieder ein neues Narrativ unseres Lebens, welches auf den immer gleichen Daten beruht.

Ich habe länger über diesen Umstand nachgedacht und mir ist aufgefallen, dass es in meinen Projekten auch immer um ein solches Narrativ geht. Die Fakten, die Daten, ja sogar die einzelnen Schritte mögen klar und strukturiert vor uns liegen, ihre Bewertung und Gewichtung und ihre Bedeutung für die Organisation und den Transformationsprozess sind zumeist heterogen und verändern sich stetig. Das interessante ist dabei, dass sich in allen Fällen ein Narrativ der Transformation entwickelte. Zu Beginn habe ich diese Narrativ nur untersucht, um gegebenenfalls Hinweise für besondere Kulturelemente zu finden. Aber mehr und mehr habe ich gelernt, das Narrativ als aktives Element meiner Arbeit zu verstehen. In den nächsten beiden Blogbeiträgen werde ich verschiedene Ansätze und Gedankenmodelle präsentieren und freue mich auf Eure Kommentare und Ideen.

Beste Grüße

Christoph Deeg

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