Weltreisen im digitalen Zeitalter – digital-analoge Reisewege

Es ist wieder so weit. Ich sitze am Flughafen und warte auf meinen Flug. Es geht nach Georgien, genauer nach Tiflis. Es liegen einige spannende Tage vor mir, bei denen ich mit einem lokalen Team einen Teil eines Museums mitgestalten werde. Wir wollen einen digital-analogen Erfahrungsraum schaffen und dabei Menschen und Ihre Visionen vernetzen. Das ist spannend, es ist anstrengend, es ist ein Geschenk. Diese Workshops sind keine Schulungen – ich habe noch nie Schulungen durchgeführt, und halte auch nicht viel davon – diese Workshops sind Entwicklungsräume bei denen Perspektiven und Ideen zusammenkommen, gemischt und reflektiert werden und aus denen dann multioptionale Erfahrungsräume entstehen.

Es ist eines dieser Projekte, bei denen ich stetig herausgefordert werde und bei denen man nie genau weiß, was dabei herauskommt. Und so bedeutet dies für mich selbst immer eine eigene Lernerfahrung. In den letzten beiden Jahren habe ich viele solcher Workshops durchführen können. Letzte Woche habe ich mich in einem ähnlichen Format mit der digitalen Transformation einer Bank beschäftigt und davor ging es um digital-analoge Vermittlungsformate auf Basis von Spielmechaniken für Kultur- und Bildungseinrichtungen.

Ich sitze am Flughafen und denke nach. Ich denke darüber nach, wie ich derartige Workshops anders gestalten kann. Meine Idee aus dem Januar, im Kontext von Digitalisierung und Klimawandel neue Beratungs- bzw. Workshopformate zu entwickeln, bei denen zum Beispiel Videokonferenzen zumindest einen Teil der Vor-Ort-Workshops ersetzen, ist nicht vom Tisch. Im Gegenteil, ich forsche intensiv an passenden Formaten und Modellen und werde bald das eine oder andere ausprobieren. Ich habe meine diesbezüglichen Gedanken und Fragestellungen in diesem Video aufgenommen:

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Aber selbst, wenn alle diese neuen Formate greifen, kann dies nur ein erster Schritt sein. Mindestens ebenso wichtig ist die Transformation unserer Denk- und Arbeitsweisen. Die Digitalisierung wurde schon immer als Konkurrenzmodell für das analoge wahrgenommen. Gleichzeitig gab es eine Vielzahl an (Heils-) Versprechen durch diejenigen, die die Digitalisierung umsetzten. Was wurde nicht alles diskutiert: Wir würden bald nicht mehr reisen müssen und könnten zu Hause bleiben, da wir Videokonferenzen hätten. Die endgültige Demokratisierung der analoge-digitalen Gesellschaft wäre ebenso ein Ergebnis der Digitalisierung etc. Mit den Versprechen und Ankündigungen zu einer besseren Gesellschaft könnte man Bücher füllen und die meisten von diesen Visionen sind noch immer nicht Realität geworden. Gleichzeitig gab es diejenigen, die am liebsten alles analog haben wollten. Das Analoge war das Echte, das Menschsein, die Realität und das Digitale könnte wenn überhaupt nur ein kleines Hilfsmittel sein.

Die Wahrheit liegt wie so oft irgendwo dazwischen. Klar ist, digitales Leben funktioniert nicht, indem man die Konzepte aus dem analogen Raum in einen digitalen Zusammenhang presst bzw. 1 zu 1 kopiert. Natürlich kann digitale Kommunikation analoge nicht ersetzen. Also stellt sich die Frage, wie man eben jene digitale Kommunikation weiterentwickeln kann, sodass nicht nur die negativen Konsequenzen minimiert werden, sondern ebenso die daraus resultierenden Vorteile greifen können. Und hier geht es um die Erweiterung des gedanklichen Optionsraumes.

Ich möchte dies ein an einem Beispiel beschreiben: In den letzten Jahren habe ich im Kontext meiner Arbeit im wahrsten Sinne die Welt bereist. Ich durfte Projekte in über 40 Ländern umsetzen und habe damit eine Vielzahl an faszinierenden Eindrücken gewinnen dürfen. Es gibt nicht wenige Menschen, die sagen, ich sei ein weitgereister Mensch. Und aus dieser Tatsache, dass ich so oft auf Reisen war, wird oft geschlussfolgert, ich müsste viel über die Welt wissen, erweiterte Denk- und Handlungsmuster aufweisen etc. Im Kern werden meinen Reisetätigkeiten eine Vielzahl an positiven Effekten zugeordnet. Aber würde man dies auch so sehen, wenn ich nur online mit diesen Teams zusammengearbeitet hätte? Oder würde man die fehlende analoge Anwesenheit also das nicht vorhandene „reale Vor-Ort-Sein“ als weniger bedeutend ansehen – und warum? War ich wirklich nur verbunden mit Orten/Menschen/Kulturen, wenn ich Vor-Ort war? Was ist mit den Menschen, die digital in internationalen Teams arbeiten? Sind diese Menschen nicht aus Reisende? Und, wenn dies so sein sollte, wäre es dann ein guter und wichtiger Ansatz, diese Effekte auch digital zu erzeugen? Im Kontext der Entwickelung digital-analoger Lebensrealitäten wird es in der Zukunft darum gehen, herauszufinden, was die jeweiligen Kernfunktionen sind. Dabei müssen wir trennen zwischen den Kernfunktionen, die sich z.B. aus der jeweiligen Technologie ergeben und denen, die wir uns wünschen. Letzteres bedeutet aber nicht nur, irgendwas effizienteres zu machen, sondern intensiv an den Formaten zu arbeiten.

Ich würde mich freuen, wenn dieser Beitrag zu einer Diskussion über das Wesen des Analogen und des Digitalen werden würde, bei dem wir auch Beispiele beschreiben und diskutieren.

Beste Grüße

Christoph Deeg

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