Die Entwicklung digital-analoger Lebensräume am Beispiel des Haus des Wissens in Bochum – Teil 4

Heute möchte ich wieder über die Entwicklung digital-analoge Lebensräume schreiben. Ich tue dies am Beispiel meiner Arbeit für das „Haus des Wissens“ in Bochum. Ich darf mich hier um alle Fragen der Digitalisierung kümmern. Das bedeutet, ich berate das „Haus des Wissens“ und alle darin aktiven Institutionen hinsichtlich der Frage, wie man aus dem Haus einen digital-analogen Lebensraum erschaffen kann. Neben der Gestaltung des physischen Raumes im Kontext der Digitalität geht es auch um die Entwicklung einer umfassenden und nachhaltigen digital-analogen Gesamtstrategie.

In diesem Beitrag soll es um die Frage der Risiken und Fallstricke bei derartigen Prozessen gehen. Wenn man ein derart komplexes System entwickeln will, muss man immer wieder mit Rückschlägen rechnen. Es gibt einiges zu beachten und ich möchte diesen Beitrag dazu nutzen, ein paar besonders gravierende Risiken zu beschreiben. Nicht alle hier beschriebenen Risiken sind dem Projekt in Bochum entnommen.

Definiert Digitalisierung und Digitalität!

Ein Risiko ist, dass man sich nicht im Klaren darüber ist, was Digitalisierung beziehungsweise Digitalität überhaupt bedeuten (können/sollen). Ich erlebe immer wieder, dass meine Auftraggeber bei der Frage, was denn mit Digitalisierung gemeint ist, keine klare Antwort geben können. Wir reden alle über Digitalisierung, machen uns aber zu selten die Mühe, den Begriff an sich und auch bezogen auf das jeweilige Projekt ausreichend zu definieren. Dabei geht es nicht darum, eine dogmatische Definition des Themas festzulegen. Aber es ist wichtig die unterschiedlichen Perspektiven auf das Thema zu verstehen. Gerade wenn mehrere Institutionen, Organisationen oder Abteilungen miteinander kooperieren (sollen), ist es wichtig, dass wir verstehen, was alle Beteiligten mit den Begriffen „Digitalisierung“ und „Digitalität“ verbinden. Hierzu gehört auch die Frage nach den damit verbundenen Erfahrungen. Zugegebenermaßen werde ich immer nervös, wenn in solchen Prozessen alle Beteiligten extrem euphorisch sind. In der Regel ist diese Euphorie nicht durch ein klares Verständnis dessen, was man da eigentlich tun möchte, untermauert. Man hat viele tolle Dinge gesehen und möchte diese Angebote/Prozesse auch haben. Auch wenn es schwerfällt: es ist richtig, dass man zu Beginn definiert, was mit Digitalisierung und Digitalität gemeint ist. Dabei sollen keine Wahrnehmungen und Gedankengänge ausgeschlossen werden. Aber man braucht ein gemeinsames Bild, ein Verständnis dessen was mit dem Thema gemeint ist. Nur dann ist eine Ableitung und Übersetzung in die konkreten Planungen und Ideen möglich.

Digitalisierung ist keine Frage des persönlichen Gefallens!

Das nächste Risiko besteht darin, dass man im Bereich Digitalisierung Prozesse plant, nur weil sie einem persönlich gefallen. Dies geschieht immer dann, wenn sich Menschen noch nicht ausreichend mit dem Thema Digitalisierung beschäftigt haben. Ich kenne dies aus nahezu allen Projekten: Gerade zu Beginn wünscht man sich möglichst viele Best-Practice Beispiele. Man möchte sehen, was andere tun und dies am liebsten kopieren. Ich kann diesen Wunsch nachvollziehen, es ist aber das letzte was man tun sollte. Ich verstehe, dass konkrete Beispiele ein Thema wie Digitalisierung greifbarer machen. Aber die große Gefahr ist, dass man nur das Ergebnis eines Prozesses sieht und versucht dieses Ergebnis dann umzusetzen. Aber gerade dann, wenn es nicht um ein einzelnes digitales Projekt oder einen einzelnen digitalen Prozess geht, muss überlegt werden, welche Rahmenbedingungen vorhanden sind um diesen Prozess/das Projekt zu ermöglichen. Denn gerade bei der Frage der systemischen Rahmenbedingungen gibt es in den allermeisten Fällen große Unterschiede. Bei derart großen Projekten wie dem Haus des Wissens in Bochum ist zudem das Problem, dass ein derartiges System sehr flexibel gestaltet werden soll und muss. Das Haus des Wissens muss in der Lage sein, zukünftige Technologien, Prozesse und Strukturen zu erkennen und in die eigene Arbeit zu implementieren. Deshalb ist es wichtig, dass bereits zu Anfang versucht wird, die Komplexität des Themas zu verstehen und daraus resultierend Prozesse und Strukturen zu definieren, die auch solche digitalen Formate, Inhalte und Prozesse ermöglichen, die zum jetzigen Zeitpunkt noch gar nicht vorhanden, identifiziert oder analysiert worden sind.

Traut Euch Digitalisierung!

Das nächste große Risiko ist eine falsche Zurückhaltung. Es mag komisch klingen, aber in sehr vielen Projekten haben die Menschen Angst davor, dass Thema Digitalisierung umfassend und weitreichend anzugehen. Ich meine damit nicht eine Technisierung von allen Prozessen. Es geht schon gar nicht darum, den Menschen abzuschaffen. Aber die Digitalisierung bringt uns eine Vielzahl an Möglichkeiten und es ist immer wieder interessant zu sehen, dass viele Menschen davor zurückschrecken alle diese Optionen wirklich zu nutzen. Die Gründe dafür sind vielfältig. In manchen Fällen hat man die Sorge, dass ein derartiger Ansatz nicht angenommen wird. Sehr oft ist es auch so, dass die einzelnen Personen der Meinung sind, dass sie diese Ideen nicht mit Inhalten beziehungsweise eigenen Aktivitäten füllen können. Manchmal sind es aber auch nur finanzielle Aspekte. Das Problem dabei ist: die Zurückhaltung zahlt sich nicht aus, in der Regel wird es im Laufe der Jahre sogar teurer. Es sollte niemals vom aktuellen Status Quo ausgegangen werden. Es muss vielmehr immer überlegt werden, was in 5-10 Jahren sein könnte und welche Auswirkungen dies auf die Arbeit der jeweiligen Institution oder des jeweiligen Unternehmens hat.

Digitalisierung bedeutet Funktion und nicht Technologie!

Ein weiteres Risiko ist das Missverständnis zwischen den Themen Technologie und Funktion. In vielen Fällen wird Digitalisierung primär aus der Sicht der Technologie gedacht. In meinem letzten Beitrag hatte ich bereits das TFK-Modell vorgestellt. Es betrachtet digitale Ressourcen und Prozesse aus den drei Perspektiven Technologie, Funktion und Kultur. Gerade wenn man etwas Neues erschafft ist es wichtig, den Fokus auf die Funktionen zu legen. Die Zukunftsfähigkeit eines Projektes wie das Haus des Wissens wird nicht durch den Einsatz von Technologien senden eine Strategie hinsichtlich der im Haus umgesetzten Funktionen gewährleistet. Aus diesem Grund erstelle ich in meinen Projekten zuerst Funktionsbeschreibungen, die beschreiben was an einem solchen Ort stattfinden soll. Die Funktionsbeschreibungen sind quasi eine Übersetzung des funktionalen Optionsraumes. Auf ihrer Basis kann dann eine Gesamtstrategie entwickelt werden, die die systemischen Rahmenbedingungen definiert, die die vorab beschriebenen Funktionen ermöglichen.

Macht Partizipation – aber macht sie richtig!

Das letzte Risiko welches ich in diesem Beitrag beschreiben möchte ist ein besonders problematisches. Es geht um die Frage der Partizipation und Teilhabe an solchen Entwicklungsprozessen. Hintergrund ist, dass man sehr oft versucht, die Stadtgesellschaft bzw.  bestimmte Gruppen (bei Unternehmen sind es beispielsweise Kunden oder auch Mitarbeiterinnen) zu einem Teil des Entwicklungsprozesses zu machen.

Damit man mich nicht falsch versteht: Partizipation und Teilhabe bei der Entwicklung solche Projekte sind extrem wichtig. Es reicht aber nicht aus, plötzlich Menschen zu fragen, was man denn so wünscht und benötigt. Und bei einem Projekt wie dem Haus des Wissens ist es unter Umständen noch komplizierter, da die einzelnen Institutionen ganz verschiedene Zielgruppen haben können. In vielen Fällen ist es hilfreicher, frühzeitig einen umfassenden Partizipationsprozess zu starten, der zuerst die Aufgabe hat, möglichst diverse Communities mit der eigenen Organisation zu verbinden und daraus resultierend im Kleinen partizipative Ansätze auszuprobieren. Anders ausgedrückt: Partizipation und Teilhabe müssen sowohl bei denen die teilhaben und partizipieren, als auch bei denen die dies „anbieten“ gelernt werden. Zudem muss man sehr genau überlegen, an welcher Stelle Partizipation sinnvoll ist. Einfach zu fragen, was wollt ihr?, Reicht in der Regel nicht aus. Es überfordert viele Menschen. Zudem können sie vielleicht noch gar nicht absehen, wie sich ihr Leben in den nächsten 5-10 Jahren verändern wird. Und: egal wie gut wir in partizipativen Ansätzen sind, wir erreichen in der Regel nur einen kleinen Teil der Zielgruppen.

Aus diesem Grund empfehle ich immer zwei Dinge: zuerst sollte ein umfassender digital-analoger Community-Ansatz entwickelt werden, der innerhalb von Jahren(!) eine heterogene  sich verändernde Community um das jeweilige Projekt aufbaut. Ziel ist mittel- bis langfristig, in kleinen Schritten möglichst viel Input zu bekommen, also die Bedürfnisse und Bedarfe der einzelnen Personengruppen zu verstehen. Parallel dazu sollte strategisch in Rahmenmodellen gedacht werden. Ich habe diesen Ansatz schon in anderen Beiträgen zu dem Projekt beschrieben. In Rahmenbedingungen denken bedeutet, ich versuche ein System zu entwickeln, das als Rahmen eine partizipative Weiterentwicklung beziehungsweise Veränderung durch die Menschen zulässt. Dieser Ansatz hat viele Vorteile: zum einen können wir aus dem Ansatz der Partizipation einen dauerhaften Prozess machen zum anderen ermöglicht es nicht nur den Nutzer*innen sondern auch den Menschen, die im Haus arbeiten, das Haus kontinuierlich zu verändern und weiter zu entwickeln. Anders ausgedrückt: ich frage mich welche Funktionen wir im Haus realisieren müssen damit eine Veränderbarkeit des Hauses sowohl auf der inhaltlichen als auch auf der strukturellen und prozessualen Ebene möglich ist. Dieser Ansatz steht nicht im Konflikt zum Thema Partizipation. Es ist nur die Frage zu stellen, an welcher Stelle eines derartigen umfassenden und komplexen Entwicklungsprozesses welche Form der Partizipation notwendig und sinnvoll ist. Beim Haus des Wissens in Bochum ist es zudem beispielsweise so, dass die einzelnen dort „einziehenden“ Institutionen sehr viel Wissen über ihre Nutzergruppen haben und dieses Wissen einbringen können. Sie sind nicht nur Experten für Bildung sondern ebenso Experten für die Personen, die ihre Angebote nutzen. Zwar soll es hier auch eine Erweiterung des Personenkreises geben, die diese Angebote wahrnehmen und natürlich ist auch hier die Gruppe der Nichtnutzer vielleicht größer als die Gruppe der aktiven Nutzerinnen. Aber trotzdem ist viel Know-how vorhanden.. Auf dieses Know-how kann man aufbauen.

Ich hoffe ich konnte ein paar Risikofaktoren benennen. Natürlich gibt es noch viele weitere. Manche sind eher profaner Natur: die Frage der Zeit oder auch die Frage wie man bei existierenden Organisationen, die ein Tagesgeschäft haben, welches sie in der Regel zu 100 % auslastet, die Möglichkeit geben kann, sehr viel Energie und Ressourcen in einen derartigen Entwicklungsprozess zu stecken. Auch die Frage der Übersetzung der einzelnen Perspektiven, nicht nur der im Haus aktiven Institutionen sondern auch aller weiteren beteiligten Personengruppen ist von großer Bedeutung. Schließlich ist die Zusammenarbeit mit den Architekten, den Innenarchitekten, den Planern und allen weiteren Gruppen ebenso ein wichtiger Faktor, der auch einige Risiken mit sich bringt. Zum Glück ist es beim Haus des Wissens so, dass alle beteiligten Personen/Teams an einem Strang ziehen. Ich habe dies auch schon anders erlebt. Wenn beispielsweise Architekten ihren Entwurf nicht weiter entwickeln möchten, oder sie sogar einen Eingriff in ihre Arbeit durch das Thema Digitalisierung sehen, weil ihre visuellen und ästhetischen Konzepte damit nicht mehr zu 100 % umgesetzt werden können, kann ein derartiges Projekt auch komplett ausgebremst werden.

Herzliche Grüße

Christoph Deeg

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