Kultur, Digitalisierung und Innovation

Eigentlich wollte ich heute damit beginnen, über mein Buchprojekt zu schreiben. Aber wie sagt man so schön: aus aktuellem Anlass habe ich mich entschieden über ein anderes Thema zu schreiben. Es geht um die Frage, ob Kulturinstitutionen und im weiteren Sinne Organisationen an sich überhaupt in der Lage sind wirkliche Innovationen zu entwickeln. Insofern ist dieser Beitrag auch ein Element des entstehenden Buches.

Ausgangspunkt beziehungsweise Auslöser meiner Gedanken ist ein Tweet, den ich gestern auf Twitter veröffentlicht habe (Link führt zu Twitter). Ich habe darin gefragt, welche innovativen digital-analogen Projekte im Bereich Kultur meiner Community aufgefallen sind. Ich wollte auf diesem Weg versuchen, eine kleine gemeinsame Sammlung von Projekten und Ideen zu erstellen. Andere Menschen zu fragen, welche Projekte und Ansätze sie als besonders innovativ ansehen, ist immer eine gute Sache. Denn ich kann auf diesem Weg nicht nur neue Projekte kennenlernen, sondern auch besser verstehen, wie andere Menschen den Begriff Innovation überhaupt definieren würden. Es gibt also einen doppelten Lerneffekt. Ich würde mir manchmal wünschen, dass derartige Fragen viel öfter diskutiert werden.

Im ersten Schritt wäre es sicherlich spannend zu wissen, welche neuen bzw. innovativen Projekte identifiziert werden und worin die Innovation aus Sicht der jeweiligen Personen besteht. Als Nächstes könnte man dann gemeinsam darüber diskutieren, ob diese Projekte überhaupt innovativ sind bzw. ob man sie noch innovativer gestalten könnte. Denn das ist ja das eigentliche Ziel: es geht nicht darum Innovation zu kopieren. Ich würde sogar soweit gehen, zu sagen, kopieren von Innovationen ist keine Innovation, es ist nur ein kopieren. Deshalb sage ich ja auch immer, dass es keine Best-Practice-Beispiele gibt. Aber es mag Inspirationen geben.

Wenn wir verstehen wollen, welche Möglichkeiten uns der digitale-analoge Lebensraum gibt, wenn wir den digital-analogen Optionsraum nutzen wollen, dann müssen wir immer wieder nach neuen Ideen und Konzepten schauen. Auf diesem Weg können wir auch sehen, ob bestimmte Muster und Modelle immer wieder erscheinen und wir können, wenn wir uns ein bisschen Mühe geben, auch lernen, was davon erfolgreich ist und was nicht. Wobei wir schon bei der nächsten Aufgabe wären, nämlich der Bewertung der einzelnen Projekte hinsichtlich ihres Erfolges inkl. der Frage, wie wir bei Innovationen den Erfolg überhaupt messen. Quantitative Daten beziehungsweise quantitative Perspektiven reichen meiner Meinung nach nicht aus.

Ich habe nun diese Frage in den Raum gestellt und bin davon ausgegangen, dass ich eine Vielzahl an spannenden Projekten kennen lernen würde. Ich hatte mir eine kleine Liste vorbereitet, in der ich die einzelnen Projekte sammeln wollte. Ich wollte mir ihre Webseiten ansehen und vielleicht sogar mit dem einen oder anderen Projekt ins Gespräch kommen. Interessant war aber, dass einige Personen meinen Beitrag geliked haben und auch retweeteten, es aber bis auf sehr wenige Personen keine Hinweise auf innovative Projekte gab. Im Gegenteil, eine Person schrieb sogar, dass das betretene Schweigen zeige, dass wir in Teilen noch immer am Anfang stünden.

Nun muss man natürlich vorsichtig sein. Wer behauptet, es gäbe überhaupt keine Innovationen im Kultursektor, verschließt die Augen nicht nur vor den vielen unterschiedlichen Entwicklungsprozessen der letzten Jahre, sondern auch vor den vielfältigen Programmen, die genau dies erreichen wollen, nämlich eine Weiterentwicklung des Kultursektors unter anderem im Kontext des Themas Digitalisierung. Und trotzdem hat mich das Ergebnis meiner Umfrage nachdenklich gemacht. Ich frage mich manchmal, ob wir wirklich innovativ agieren und ebenso, ob wir überhaupt ein gemeinsames Narrativ dafür entwickelt haben, was Innovation in einem so wichtigen Gesellschaftsbereich wie den Kultursektor (dies gilt auch für die Bereiche Bildung und Wirtschaft) überhaupt bedeutet.

Man muss natürlich realistisch und ehrlich sein. Nicht alle Menschen, die vielleicht über spannende Projekte sprechen könnten, sind mit mir verbunden. Und natürlich sind die Menschen, die mit mir verbunden sind ebenfalls unterwegs, haben sehr viel gesehen, sind vielleicht auch von dem einen oder anderen Projekt gelangweilt. Ich habe also mit meiner Frage nicht den Breite unserer Gesellschaft erreicht. Andererseits kann ich die Menschen, mit denen ich auf Twitter verbunden bin durchaus als erweiterte Innovationsantenne, als Trendradar sehen.

Wenn ich aber das Ergebnis einfach so hinnehme wie es ist, dann muss ich in der Tat fragen, ob es Sinn machen würde, die vorhandenen Entwicklungsprozesse im Bereich Kultur zu hinterfragen. Dies kann natürlich nur in vollem Respekt vor den Menschen die in diesem Bereich arbeiten geschehen. Und nein, es darf nicht darum gehen mit dem Finger auf Projekte und Institutionen zu zeigen und aus einer elitären Elfenbeinturm-Situation heraus zu kritisieren. Gleichwohl müssen wir feststellen, dass wir im Moment immer noch Innovationen über Leuchtturmprojekte realisieren. Und noch immer ist es so, dass ein Großteil der Förderung solcher Projekte genau das ist was sie ist: eine Förderung von Einzelprojekten aber nicht der Versuch, kontinuierlich die vorhandenen Strukturen und Ressourcen zu verbessern. Von einer Weiterentwicklung der Denk- und Handlungsweisen ganz zu schweigen. Und auch wenn man sich all diese tollen und spannenden Projekte ansieht, wenn man wie ich, auch Teil von vielen interessanten Entwicklungsprozessen war, muss man ab und zu den Blick nach außen wagen und schauen, ob die Innovationsgeschwindigkeit mindestens genauso hoch ist wie die Innovationsgeschwindigkeit im Umfeld des Kultursektor.

Vielleicht hätte ich meine Frage anders stellen sollen. Vielleicht hätte ich fragen sollen, welche Projekte, welche Modelle und Ansätze überhaupt im Kontext digital-analoger Lebensrealitäten als spannend angesehen werden und was man daraus für den Kultursektor lernen könnte. Vielleicht hätte ich einzelne Projekte oder Innovationen aufzeigen müssen, und fragen müssen, ob diese als innovativ angesehen werden bzw. ob man so etwas vergleichbares auch im Bereich Kultur finden kann. Und wenn wir feststellen, dass wir zwar in den letzten Jahren einiges an Entwicklungsschritten gegangen sind, auf der anderen Seite aber nicht weit genug springen, dann müssen wir uns natürlich auch fragen, woran das liegt. Und ja, dies ist eine der zentralen Thesen meinerseits.

Wenn ich davon spreche, dass wir den Kultursektor als Ganzes neu denken müssen, dann geht es nicht darum in einer radikalen Form alles zu zerstören und quasi von vorne zu beginnen. Aber es geht darum herauszufinden, inwieweit systemische Rahmenbedingungen dazu führen, dass der Kultursektor gar nicht in der Lage ist in der Breite innovativ zu agieren. Und diese systemischen Rahmenbedingungen kann man beobachten. Dazu gehört zum Beispiel die schon erwähnten Förderprogramme, die in der Regel nur Einzelprojekte fördern und nur selten wirklich in eine strukturelle Förderung des Kultursektors z.B. in den Bereichen Innovation und Digitalisierung angehen. Dazu gehört aber auch, dass die allermeisten Kulturinstitutionen noch immer nicht frei im digitalen Raum agieren dürfen. Nehmen wir das Beispiel Social Media: Die Arbeit in den sozialen Medien ist zumeist abhängig von Vorgaben der Träger wie z.B. einer kommunalen Öffentlichkeitsarbeit. Und in sehr vielen Fällen ist es so, dass gerade die Arbeit in den sozialen Medien nur als Werkzeug der Öffentlichkeitsarbeit und vielleicht noch des Kulturmarketings verstanden werden. Damit fehlt der Aspekt des kulturellen und gesellschaftlichen Dialogs. Damit fehlt der Aspekt der digital-analogen Kulturvermittlung.

Warum beschäftigt mich das Ganze? Einige werden sagen, dass mich das ganze beschäftigt, weil ich in diesem Sektor arbeite und gegebenenfalls nach neuen Projekten suche. Man mag es mir kaum glauben, aber dies ist nicht meine Intention. Mir geht es darum, dass wir die Rolle des Kultursektors in unserer Gesellschaft überdenken müssen. Vor uns stehen riesige Aufgaben. Klimawandel, Kriege, Migration und viele weitere Themen werden unsere Gesellschaften herausfordern. Und der digitale Raum an sich ist auch (noch) nicht gerade zum Paradies geworden. Der digitale Raum ist ein riesiger Optionsraum. Ja, Digitalisierung ermöglicht eine bessere Gesellschaft. Ja, Digitalisierung ermöglicht den Abbau von Diskriminierung. Ja, Digitalisierung ermöglicht ein besseres Verständnis der Menschen untereinander. Ja, Digitalisierung ermöglicht die Entwicklung von neuen Prozessen, die es uns ermöglichen, zusammenzuwachsen und auf einander zu hören. Aber real geworden ist dieses verheißene Land noch lange nicht. Bis jetzt bleibt der digitale Raum eine Option, eine Idee und eine technologische Umsetzung, mehr nicht. Aber dies sind alles nur Möglichkeiten. Und meine feste Überzeugung, und daran hat sich in den letzten Jahren nichts geändert, ist die, dass nur der Kultursektor das Thema Digitalisierung umfassend weiterentwickeln kann.

Der Kultursektor kann Innovationsmotor und kritisches Labor zugleich sein. Aber dafür müssen wir die Möglichkeiten, die Strukturen und Ressourcen dieses Sektors hinterfragen und weiterentwickeln. Und an der ein oder anderen Stelle müssen wir gegebenenfalls auch radikale Ansätze wählen. Denn vielleicht werden wir bei genauerer Betrachtung feststellen, dass ein mehr an Innovationen im Kulturbereich, und vor allen Dingen ein mehr an Wirkung dieser Innovationen in unsere Gesellschaft hinein mit den vorhandenen Strukturen und Prozessen, dem Selbstverständnis und den Ressourcen nicht möglich ist.

Dann treffen wir sicher am Ende eine politische Entscheidung. Aber zu sagen, Kultur sei systemrelevant reicht nicht mehr aus. Ja, Kultur kann systemrelevant sein. Aber dafür muss sie Dinge tun dürfen und sie muss so ausgestattet werden, dass dieses Dinge tun, auch möglich ist. Und sie muss zugleich bereit sein sich kontinuierlich hinterfragen und kritisieren zu lassen, mit dem Ziel, sie weiterzuentwickeln. Und natürlich, dies betrifft nicht nur den Bereich Digitalisierung. Und natürlich, diese Bereitschaft der Reflektionen und Selbstkritik muss auch bei der Gruppe der Beraterinnen und Berater vorhanden sein, auch wir müssen uns hinterfragen, ob wir in den letzten Jahren alles richtig gemacht haben. Auch wir müssen uns hinterfragen, wo wir in Zukunft vielleicht anders agieren müssen. Wir müssen aufpassen, dass die Weiterentwicklung des Kultursektors (parallel der Bereiche Bildung und Wirtschaft etc.) nicht einfach nur eine übertriebene Ansammlung von Buzz-Words wird, wo man auf der anderen Seite, und auch dieser Effekt ist im Kultursektor zu sehen, bei jedem Projekt, welches innovativ sein möchte, am Ende auch sagt, es sei auf jeden Fall innovativ, weil man sich nicht traut zuzugeben, dass es vielleicht nicht funktioniert hat.

Ja, wir müssen über das Scheitern reden. Letztlich gesehen geht es um nichts anderes als die Frage, ob wir als Ganzes oder in Teilen mit unseren Ansätzen der Weiterentwicklung des Kultursektors gescheitert sind oder vielleicht scheitern werden. Ja, Kultur kann systemrelevant sein. Ob sie es aktuell ist, kann ich nicht sagen. Aber die Tatsache, dass bei einer Frage nach innovativen Projekten im Kultursektor so wenig Feedback kommt, bedeutet, dass auf jeden Fall irgendetwas nicht stimmt. Vielleicht haben wir großes Glück und das einzige was nicht stimmt ist unsere Wahrnehmung. Vielleicht müssen wir genauer erklären, was wir mit Kultur überhaupt meinen. Vielleicht sind wir auch gelangweilt, und verschließen kontinuierlich die Augen, weil ja sowieso nichts mehr neu sein kann, weil wir ja sowieso glauben, schon alles zu wissen. Vielleicht entsteht hier eine neue digitale Hochkultur eine kleine digitale Kulturelite, die sich ganz nett auf Instagram über irgendwelche Museumsbesuche austauscht aber letztlich gesehen genauso arrogant ist wie diejenigen, die wird doch in den letzten Jahren immer so kritisiert haben, weil sie aus ihrer Arroganz heraus Digitalisierung nicht machen, nicht gestalten, sondern verwalten.

Ich weiß nicht, wohin das führen wird. Und ich weiß, dass man diesen Text wiederum massiv kritisieren kann. Und ja, ich bitte darum. Aber: was ich nicht möchte, und darauf werde ich auch nicht reagieren, sind Auflistungen von Projekten die doch nun doch besonders innovativ seien. Es geht nicht um eine Rechtfertigung. Es geht nicht darum zu sagen, „stimmt doch gar nicht“ und „ist doch alles toll“. Die rosarote Digitalisierungs-Innovations-Brille hat erhebliche Sprünge bekommen und irgendwann funktioniert sie nicht mehr.

Fangen wir also an. Fangen wir also von vorne an. Denken wir alles mal wieder neu. Tun wir das, was Künstler eigentlich tun, wenn sie ihren Job ernst nehmen und wenn sie an ihren Werken arbeiten. Seien wir selbst unsere größten Kritiker. Lasst uns wieder und wieder scheitern. Aber lasst uns auch (endlich) die Themen Kultur, Digitalisierung und Innovation groß denken und groß machen. Alles andere braucht kein Mensch…

Herzliche Grüße Christoph Deeg

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Ich stimme der Speicherung und Verarbeitung meiner Daten nach der EU-DSGVO zu und akzeptiere die Datenschutzbedingungen.