Nennt es nicht Gamification!

In den letzten Jahren habe ich mich u.a. mit einem ganz bestimmten Thema beschäftigt: Gamification. Das Thema an sich ist wirklich spannend und ich werde in diesem Beitrag ein paar Elemente daraus beschreiben, aber eigentlich soll es um etwas anderes gehen. Mir ist nämlich aufgefallen, dass immer mehr Menschen, Organisationen und Unternehmen diesen Begriff nutzen um einen Prozess zu beschreiben bei dem sie in irgendeiner Form Spiele oder Spielelemente nutzen. Man könnte auch sagen: Gamification scheint gerade ein Trend zu sein, bei dem sich niemand über die Inhalte Gedanken macht, die für den Begriff an sich stehen.

Erst neulich habe ich eine Einladung zu einer Konferenz bekommen, bei der sich ein ganzes Panel mit dem Thema bzw. Beispielprojekten beschäftigen sollte.  Alle Vorträge beschrieben aber keine Beispiele für Gamification sondern die Anwendung von Spielen beziehungsweise Games in unterschiedlichen Kontexten. Aus diesem Grund habe ich mich entschieden, diesen Beitrag zu schreiben. Es ist meiner Meinung nach extrem wichtig, dass wir unterscheiden zwischen dem Begriff „Spielen“ bzw. „Gaming“ und dem Begriff „Gamification“.

Gamification bedeutet die Anwendung von Spielmechaniken in Nicht-Spiel-Kontexten (oder auch „Nicht-Spiel-Prozessen“). Anders ausgedrückt, wenn ein Spiel entsteht und/oder gespielt wird, kann es keine Gamification sein. Warum ist das so wichtig? Möchte ich etwa die Deutungshoheit für diesen Begriff haben? Bin ich vielleicht neidisch auf die vielen spannenden Projekte, die unter dem Titel Gamification umgesetzt werden? Nein! Ich freue mich sehr, wenn Menschen, Organisationen und Unternehmen sich mit dem Themen Spiel, Gamification, Game-Thinking, Game based Learning inkl. der vielen Facetten und Variationen beschäftigen. Überall entstehen spannende Projekte mit vielen kreativen Ideen.

Trotzdem ist es wichtig zwischen Gamification und der Anwendung von Spielen zu unterscheiden.  Dies hat im Wesentlichen zwei Gründe: zum einen ist es so, dass wir in der aktuellen Situation die Möglichkeiten, also den Optionsraum der sich durch die Nutzung von Gamification ergibt, sehr oft nicht erkennen und somit auch nicht umfassend nutzen. Weil Gamification – in der Wahrnehmung – quasi alles sein kann, fokussieren wir uns auf die vielen Beispiele aus dem Bereich der Nutzung von Spielen.  Aber Gamification geht viel weiter und hat eben nichts mit dem Spielen von Spielen zu tun. Wenn ich reale Prozesse durch Spielmechaniken erweitere, dann kann ich damit neue Erfahrungsräume für Menschen entwickeln. Ich kann  einen realen Prozess besser machen. Wenn ich ein Spiel entwickle und dieses Spiel an einen realen Prozess andocke, muss ich mir immer noch überlegen, wie später die Übersetzung zurück vom Spiel in den realen Prozess stattfindet. Gamification und Gaming basieren auf den selben Grundlagen . Aber Gamification ist nicht aus Spielen entstanden. 

Zum anderen habe ich festgestellt, dass immer dann, wenn Projekte im Kontext des Einsatzes von Spielen nicht funktionieren und sie vorab als Gamification-Projekte wahrgenommen wurden, die Aussage im Raum steht, Gamification würde nicht funktionieren. Ich habe mir viele derartige Projekte angesehen und festgestellt, dass es sich überhaupt nicht um Projekte im Bereich Gamification handelte, sondern im Bereich Gaming.

Damit man mich nicht falsch versteht: die Arbeit mit Spielen ist eine sehr spannende und wichtige Arbeit. Es gibt viele unterschiedliche und erfolgreiche Ansätze und es mag sogar Situationen geben, in denen die Nutzung eines Spiels besser ist als die Anwendung von Gamification.  Gleichwohl vermischen wir hier Inhalte und sorgen dafür, dass am Schluss niemand mehr weiß, was eigentlich gemeint ist, was man damit erreichen kann, und wie man sich in diesem Bereich positionieren könnte.

Ich bin der Meinung, dass wir bei allen Menschen, die Entscheidungen hinsichtlich des Einsatzes von Gamification in Organisationen treffen können, zuerst für ein belastbares Basiswissen sorgen sollten. In diesem Zusammenhang sollten vorhandene Vermittlungsformate überdacht und überarbeitet werden. Gamification ist keine einfache Aufgabe. Gamification ist keine Abkürzung zu schnelleren oder effizienteren in Prozessen. Gamification kann aber nahezu jeden Prozess besser machen bzw. sollte hierfür eine Option sein. Gamification ist kein Hype und wer Gamification in seiner/ihrer Organisation einsetzen möchte, sollte bzw. sollte sich damit zuvor intensiv beschäftigen.

Es ist wichtig dass wir aufhören, den Begriff Gamification für alles zu nutzen was in irgendeiner Form nach einem Spiel oder nach Spielelementen aussieht. Wir müssen dafür sorgen, dass die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zum Beispiel zwischen Themen wie Gamification und Gaming in der Breite verstanden werden. Nur so ist es möglich, sinnvolle und erfolgreiche Prozesse zu entwickeln.  Und nur so ist es möglich, eine erfolgreiche Implementierung derartige Prozesse in den täglichen Ablauf, also das operative Tagesgeschäft zu gewährleisten.

In meinen Projekten mache ich es immer so, dass ich zu Beginn eines Entwicklungsprozesses mit den Kunden nicht über Produkte sondern über Funktionen rede.  Bevor man eine große Investitionen tätigt, ist es wichtig, dass man ein gutes Verständnis des Themas hat und dann verschiedene Optionen im Raum stehen, wie man das Thema umsetzt und in die eigene Organisation implementiert. Deshalb ist es auch so wichtig, dass man die Personen, die mit dem Thema dann arbeiten werden, befähigt, das Thema zu verstehen.  Erst wenn ein paar Monate ein Prozess des Verstehens und des Ausprobierens zu Ende gegangen ist, kann man über größere Investitionen beziehungsweise die Beauftragung einer Firma für die Produktion nachdenken. Wobei auch hier ein Missverständnis beseitigt werden sollte: Gamification bedeutet nicht immer den Einsatz digitaler Technologien. Gute Gamification funktioniert auch im Analogen. Das Digitale ist dann eine sinnvolle Erweiterung um den Prozess zu verstärken.

Beste Grüße Christoph Deeg

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