Wir brauchen endlich digital-analoge Bildungs-und Kultur-Strategien

Liebe Leser,

In den letzten Jahren hat sich unsere Welt umfassend verändert. Überall erleben wir das Aufkommen neuer Technologien. Und natürlich gibt es zu all diesen aufkommenden Technologien kritische und positive Stimmen. Deutschland hat sich diesbezüglich in den letzten Jahren nur in Teilen weiterentwickelt. Hinsichtlich des Themas Digitalisierung und den damit verbundenen Möglichkeiten der Weiterentwicklung unserer Gesellschaft, waren die letzten 4 bis 8 Jahre verlorene Jahre. Insofern stimmt es mich auch nicht euphorisch, dass in den Koalitionsverhandlungen zur zukünftigen Regierung das Thema eine größere Bedeutung bekommt.

Gewiss wir starten auf niedrigem Niveau. Insofern ist jede Verstärkung der Bemühungen der Digitalisierung unserer Gesellschaft eine Verbesserung. Jedoch geht es längst nicht mehr nur um die Frage, ob wir in der Lage sind, überall in Deutschland schnelles Internet zu ermöglichen. Denn was nützt es, wenn wir in irgendeinem Dorf irgendwo in unserem Land den Zugang zu schnellem Internet ermöglichen, und gleichzeitig ein Großteil der Bildungs- und Kulturinstitutionen in unserem Land noch immer keinen freien Zugang zum Internet haben bzw. sich nicht frei im Internet bewegen dürfen?

Das wir noch immer über rudimentäre Rahmenbedingungen diskutieren müssen, ist wirklich schwierig. Demgegenüber stehen immer mehr reale oder vermeintliche Leuchtturmprojekte bei denen Technologien wie VR oder AR oder sogar die Nutzung von künstlichen Intelligenzen ausprobiert werden. Diese manchmal wirklich großartigen Projekte, werden dann immer gerne als Beweis herangeführt, dass man doch den Bereich Digitalisierung im Kontext von Bildung und Kultur wunderbar angegangen wäre. Aber ein Leuchtturm macht noch keinen Sommer. Im Gegenteil solange wir diese Projekte als imaginäres Feigenblatt heranziehen, um uns nicht mit der Frage einer Neuorientierung von Bildung und Kultur zu beschäftigen, sind diese Projekte eher kontraproduktiv. Denn es geht beileibe nicht einfach darum, jede irgendwie spannende Technologie irgendwie zu nutzen. Es geht vielmehr um die Frage, ob Kultur und Bildung irgendwann in der Lage sein werden, mit den digital-analogen Lebensrealitäten unserer Gesellschaft kompatibel zu sein. Deshalb brauchen wir auch keine digitalen Strategien, sondern digital analoge Gesamtstrategien. Hat man sich erstmal mit den rudimentären Konzepten der jeweiligen Technologie auseinandergesetzt, geht es im nächsten Schritt darum, die Fähigkeit zur Diversität zu entwickeln. Digitalisierung bedeutet nicht, sich den digitalen Raum gefügig zu machen. Und es geht auch nicht darum, die vorhandenen Kommunikationsstrategien ins digitale zu übertragen. Ansonsten besteht die Gefahr, dass die Kultur- und Bildungsinstitutionen im Kontext der Digitalisierung den selben Fehler machen, den sie auch schon in der analogen Welt gemacht haben und an dessen Behebung sie seit vielen Jahren arbeiten müssen. Dann entstehen schlimmstenfalls jene Elfenbeintürme, die letztlich nur für das dann digitale Bildungsbürgertum relevant sind. Und damit wird die große Chance der Digitalisierung, nämlich eine viel breitere Ausrichtung dieser Institutionen zu ermöglichen, verspielt.

Im Kern sehe ich zwei zentrale Herausforderungen. Zum einen müssen wir endlich beginnen, digital-analoge Bildungs- und Kultur-Strategien zu entwickeln. Damit ist gemeint, dass wir nicht nur eine kleine Zahl von Institutionen als Labor verwenden. Vielmehr muss endlich überlegt werden, wie wir das Thema im Ganzen umsetzen. Es hilft niemandem, wenn wir an der einen oder anderen Stelle komplexe Hochtechnologie einsetzen, aber in der Breite weder der Zugang zum digitalen Raum noch das dafür Wissen in der Breite der Mitarbeiterschaft vorhanden ist.

Natürlich hat sich in diesem Bereich in den letzten Jahren einiges getan. Aber wir sind immer noch in einer Situation, in der wir feststellen, dass die Geschwindigkeit mit der dieser Sektor sich im Bereich der Digitalisierung bewegt, viel langsamer ist, als die Innovationszyklen der Technologien die dann genutzt werden sollen. Ein konkretes Beispiel: es gibt eine Vielzahl von Programmen, die Bibliotheken und Museen die Nutzung von Social Media näher bringen wollen. In diesem Kontext reden wir in der Breite immer noch von rudimentärem Wissen bzw. überhaupt erstmal einer ersten Positionierung im Social Web. Parallel dazu sind wir bereits in der Situation, dass diese Aufgabe zunehmend von Algorithmen bzw Chatbots übernommen wird.

In den nächsten Jahren – und das lässt sich immer mehr absehen – werden wir erleben, dass der Beruf des Social Media Managers eine völlig neue Bedeutung bekommen wird. Ich wage vorauszusagen, dass 70% der aktuellen Social-Media-Manager ihren Job verlieren werden. Denn das, was wir dort an standardisierter und zugegeben ziemlich langweiliger Kampagnenplanung und mehr oder weniger Öffentlichkeitsarbeit erleben, kann ein Computer bzw. ein gut programmiertes Computerprogramm viel schneller effizienter und billiger erledigen.

Es besteht also die Gefahr, dass der Kultur- und Bildungssektor auch in Zukunft viel zu spät auf diese technologischen Herausforderung reagiert. Damit findet ein Abkopplungs-Prozess zur gesellschaftlichen Realität statt. Nun war es bis jetzt nie die Aufgabe von Kultur- und Bildungsinstitutionen quasi Innovationsträger im Kontext moderner Technologien zu sein. Die Bedeutung ergibt sich erst jetzt, wo wir es mit Technologien zu tun haben, die kontinuierlich weite Teile unserer Gesellschaft tiefgreifend verändern. Dies muss einen Einfluss auf die heutige und zukünftige Kultur- und Wissensvermittlung haben. Dabei wäre für den Kultursektor die Herleitung gar nicht so schwierig. Denn Kunst und Kultur waren an sich immer Veränderung und immer Innovation. Gerade der Diskurs bzw. der Austausch mit dem was war, mit dem was ist, brachte uns immer dazu zu überlegen, was sein könnte.

Aus diesem Grund wäre meines Erachtens auch zu überlegen, ob nicht einfach alle Förderprogramme in den Bereichen Bildung und Kultur dahingegen geändert werden, dass es nur noch Förderungen gibt, wenn das jeweilige Projekt einen klaren digital-analogen Ansatz verfolgt. Ich halte wenig davon, digitale Projekte zu fördern weil sie eben digital sind. Ich glaube wir müssen endlich dazu übergehen, zu verstehen, dass die Digitalisierung nicht mehr und nicht weniger als eine Querschnittsfunktion durch die gesamte Kultur- und Bildungsarbeit sein muss.

Die zweite Herausforderung ist herauszufinden, ob diese ganzen von mir genannten Punkte mit den heutigen Institutionen überhaupt umsetzbar sind. Damit man mich nicht falsch versteht, es geht mir nicht um eine Kritik an den Institutionen in der Gestalt, dass ich behaupte, die Institution wären zu diesen Dingen nicht in der Lage. Aber ich habe in den letzten Jahren eine unglaublich große Anzahl an Institutionen beraten und begleitet. Und in vielen Fällen habe ich mich selber gefragt, ob es der richtige Weg ist, aus den heutigen vorhandenen Institutionen und Strukturen quasi eine digital-analoge eierlegende Wollmilchsau machen zu wollen.

Und damit sind eben jene Institutionen vielleicht auch nichts anderes als ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. Ist es nicht so, dass unsere Gesellschaft bis jetzt mit dem Umgang der Digitalisierung überfordert ist? Hören wir nicht von so vielen Menschen, die sich mit eben jener Digitalisierung überfordert fühlen, und am liebsten darauf verzichten würden? Aus diesem Grund stellt sich für mich die Frage, ob es eine Möglichkeit wäre, eine neue Form von Institution zu entwickeln, die komplett losgelöst von allen vorhandenen Strukturen ist. Ich möchte dies am Beispiel eines Museums erklären.:

Was wäre wenn wir Museen in ihren Aufgaben eher reduzieren würden? Was wäre wenn wir sagen würden, dass ihre Aufgabe ist, sich um die Bewahrung ihrer Sammlung und klassische Ausstellungskonzepte zu bemühen. Und dann entsteht eine weitere davon unabhängige Institution, die selber gar nicht über eine Sammlung oder ähnliches verfügt. Diese neue Institution hat nur die Aufgabe Sammlungen aus Museen zu nutzen um dafür völlig neue digital analoge Vermittlungskonzepte zu entwickeln. In vielen Workshops erlebe ich, dass mir die Teilnehmer sagen, dass man sich gerne um die digitalen Aufgaben kümmern möchte, wenn die vermeintlichen Kernaufgaben der jeweiligen Institution umgesetzt worden sind. Für diesen Menschen scheint die Digitalisierung ein freiwilliges Addon zu sein. Nun können wir auf der einen Seite sehr lange und hart über diese Sichtweise diskutieren. Aber auf der anderen Seite wäre wirklich die Frage zu stellen, ob wir durch eine Neuentwicklung von Institutionen bzw. Strukturen nicht mehr erreichen könnten. Dieser Gedankengang richtet sich überhaupt nicht gegen die Arbeit vorhandener Institutionen. Ganz im Gegenteil. Es stellt sich für mich einfach die Frage, ob wir auf diese Art und Weise nicht effizienter und zielgruppenorientierter arbeiten könnten.

Ich werde in den nächsten Monaten an dieser Fragestellung weiter arbeiten. Denn sie ist nicht nur aus Sicht von Kultur und Bildung relevant. In meinen Projekten habe ich es mit sehr vielen unterschiedlichen Veränderungsprozessen zu tun. Und in all diesen Veränderungsprozessen geht es letztlich um die Frage, wie wir z.B. Kultur und Bildung oder auch Städte oder auch Unternehmen besser gestalten können. Ich freue mich sehr auf die Diskussion.

Beste Grüße Christoph Deeg

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