Brauchen wir andere Bibliotheksmitarbeiter?

Brauchen wir andere Bibliotheksmitarbeiter?

Liebe Leser,

ich bin gerade auf dem Bibliothekartag in Nürnberg. Neben Unternehmen und kulturellen Einrichtungen berate ich ich sehr viele Bibliotheken bei der Entwicklung und Realisierung einer digital-analogen Gesamtstrategie. Und so ist der Bibliothekartag für mich eine sehr wichtige Veranstaltung. Es ist für mich aber auch der Anlass Dinge zu hinterfragen. Und im Folgenden möchte ich ein paar der damit verbundenen Gedanken zur Diskussion stellen:

Kompetenzen:

Wir reden viel über Kompetenzen. Wir reden viel darüber, was Bibliotheksmitarbeiter alles wissen müssen. Aber wo liegen die Grenzen zur eierlegenden Wollmilchsau? Und warum werden die Mitarbeiter in Bibliotheken – das ist zumindest meine Beobachtung – nicht ausreichend auf ihre Zukunft vorbereitet? Eine Bibliothek an sich ist kein wichtiger Ort. Und nein, Bibliotheken haben nicht die Aufgabe, Bücher und andere Medien zu verleihen. Eine Bibliothek ist wichtig und wertvoll durch die Menschen, die in ihr aktiv sind. Dies sind sowohl die Kunden als auch die Bibliotheksmitarbeiter – aber ist die Gewichtung der Ressourcen daran angepasst? Wie viel Raum für neue Ideen, für Ausprobieren, für neues Lernen ist wirklich vorhanden? Und wäre es nicht sinnvoller, wir würden es den Bibliotheken ermöglichen, Mitarbeiter nicht nach Abschlüssen sondern nach Know How auszuwählen? Wäre es nicht sinnvoller, wir würden Bibliotheksmitarbeiter gemäß ihrer Aufgaben in der Bibliothek und nicht gemäß ihres Studien- bzw. Ausbildungsabschlusses bezahlen? Welche Kompetenzen wollen Bibliotheken vermitteln – und welche Kompetenzen haben sie selber? Ein Beispiel: Ich sehe viele Bibliotheken, die sich mit dem Thema Gaming befassen – aber sehr oft ist es dann so, dass die Muster und Aktivitäten aus anderen Aufgabenbereichen einfach übernommen werden. Dann gibt es auch im Bereich Gaming einen Bestand und statt einer Autorenlesung veranstaltet man FIFA-Events. Aber Games sind nicht Bücher – und Bücher sind nicht Games. Und Games sind genauso relevant wie Bücher und umgekehrt. Wie will Bibliothek die Menschen beim lebenslangen Lernen unterstützen, wenn sie selbst nicht lebenslang lernt?

Für wen sind Bibliotheken da?

Es gibt eine Vielzahl an Diskussionen zur Frage, für wen oder für was Bibliotheken überhaupt da sind. Manchen geht schon der Begriff “Kunde” zu weit. Andere möchten, dass sich die Bibliothek ausschließlich auf die vorhandenen oder gedachten Wünsche der Kunden konzentriert. Wie könnte ein Prozess aussehen, bei dem die Veränderung der Bibliothek zusammen mit der Community inkl. der Massen an Nichtnutzern geschieht? Einige glauben, dass Bibliotheken auf keinen Fall Sonntags geöffnet haben sollten, aber was ist mit denen, die die Bibliothek nur Sonntags nutzen können? Ich kenne viele Bibliotheken, die unbedingt sonntags öffnen wollen, weil sie ihre Zielgruppe vor allem an diesem Tag erreichen.

Für wen ist der Bibliothekartag gedacht?

Ich habe nun schon einige Bibliothekartage erlebt und eine Sache fällt mir auf: Auf dem Bibliothekartag wird über die Menschen geredet – aber nicht mit Ihnen. Der normale Kunde/Nutzer ist nicht eingeladen. Natürlich kann jeder zum Bibliothekartag kommen – aber es ist sehr sehr teuer, wenn man nicht Bibliotheksmitarbeiter ist. Also warum hat man nicht einen Besuchertag? Warum schließen wir den Bibliothekartag heute nachmittag nicht für drei Stunden und gehen in die wunderschöne Altstadt von Nürnberg und fragen die Menschen, was sie über Bibliotheken denken? Wenn Bibliotheken die Menschen auf neue Inhalte neugierig machen wollen – müssten sie dann nicht selber neugierig auf die Menschen sein? Und warum gibt es so wenig Vorträge aus anderen Kultur- und Bildungsbereichen? Warum werden nicht Experten aus der Wirtschaft eingeladen, damit sie z.B. über Logistik, Datenbanken, Social Media, Management, Organisationsentwicklung, Internet der Dinge etc. reden?

Die Bibliothek als Optionsraum

Eine Bibliothek sollte weniger wie ein Buchregal und mehr wie eine Playstation funktionieren: als multioptionaler Raum. Es gibt so viele neue Ideen und Möglichkeiten: Makerspaces, Gaming, interkulturelle Arbeit etc. Die Aufgaben der Bibliotheken sind vielfältig. Aber wie kann eine Bibliothek als multioptionaler Raum funktionieren, wenn sie es nicht nach innen ist? Wir müssen dringend dafür sorgen, dass Bibliotheken neue Wegen gehen können. Dass noch immer sehr viele Bibliotheken keinen freien Zugang zum Internet haben, ist ein Skandal und zudem eine Entmündigung für jeden Bibliotheksmitarbeiter. Und Bibliotheken werden weitaus freier agieren müssen. Sie werden all die vielen neuen digitalen und analogen Aufgaben nicht zusätzlich umsetzen können. Sie werden überlegen müssen, welche anderen Angebote zu Gunsten neuer Konzepte abgebaut werden. Und hier werden wir vor allem intensive Gespräche mit den jeweiligen Trägern führen müssen. Ich kenne Städte und Gemeinden, bei denen Menschen über die Zukunft von Bibliotheken entscheiden, die noch nicht mal einen Bibliotheksausweis haben. Diese Menschen müssen wir erreichen und ihnen aufzeigen, dass Bibliotheken mehr sind als Medien-Verleih-Systeme.

Professionalität

Ich habe gestern selber einen Vortrag auf dem Bibliothekartag gehalten. Es war ein ziemlich spannender Workshop mit Frank Krings von der Buchmesse Frankfurt und Steffen Burkhardt von der HAW. Ich bin kurzfristig von Tom Becker angesprochen worden, ob ich nicht mitmachen möchte und so wurde ich doch noch zum Speaker auf dem Bib-Tag:-) Wir redeten über Social-Media-Strategien und was man dabei beachten muss. Und hier ist mir eines klar geworden: Im Bereich der digital-analogen Aufgaben von Bibliotheken hat die Reise erst begonnen. Es ist schön, dass immer mehr Bibliotheken im Bereich Social-Media aktiv sind, dass sie etwas mit Gaming machen, dass sie sich über Makerspaces etc. Gedanken machen. Aber wie viele Bibliotheken haben eine Suchmaschinenoptimierungsstrategie (tolles Wort oder?) für ihre Webseite? Wie viele Bibliotheken betreiben echtes Social-Media-Monitoring? Wie viele Bibliotheken verfügen über eine digital-analoge Gesamtstrategie? Wie viele Bibliotheken schicken ihre Mitarbeiter auf Fortbildungen, die nicht aus dem Bibliothekssektor kommen? Wie viele Bibliotheken agieren im Social Web vernetzt miteinander? Social Media ist keine PR-Funktion – es sollte ein eigenständiger Service sein. Gaming ist kein Weg, um junge Leute in die Bibliothek zu locken. Games sind genauso relevant wie Bücher und Gaming ist eine eigene Kultur und eine eigene Welt. In den letzten Tagen habe ich mit ein paar Bibliotheken ein paar spannende Projekte begonnen. Dabei geht um die Entwicklung und Realisierung einer digital-analogen Gesamtstrategie. Diese Projekte dauern bis zu 18 Monate und ich werde hier immer wieder über einzelne Teilaspekte berichten…

Ich bin sehr gespannt, wohin sich die Bibliotheken entwickeln. Die Arbeit mit und für Bibliotheken macht mir großen Spass. Aber ich arbeite auch in anderen Bereichen wie z.B. Unternehmen, Parteien, Institutionen etc. Was mir auffällt ist, dass in allen Projekten vergleichbare Problemstellungen existieren. Insofern bewegen sich Bibliotheken immer noch in einem nachvollziehbaren Prozess des Wandels. Vielleicht werde ich in Zukunft mehr vergleichende Beiträge schreiben. Denn Bibliotheken könnten sehr viel von Unternehmen und anderen Institutionen lernen – und umgekehrt.

Beste Grüße

Christoph Deeg

One Reply to “Brauchen wir andere Bibliotheksmitarbeiter?”

  1. Ich stimme Ihrem Artikel generell zu. Das deutsche Bibliothekswesen ist in der Tat veraltet und gehört reformiert. Bibliotheken müssen sich der Lebenswirklichkeit in diesem Land anpassen und sich zu Mediotheken weiterentwickeln, um den Anforderungen des 21. Jahrhunderts gerecht zu werden.

    Laut der Mediennutzungsstudie von SevenOne Media z. B. sind Bücher bei Weitem nicht das meistgenutzte Medium und dies sollte sich, besonders bei rückläufigen Besucherzahlen, dann auch im Angebot widerspiegeln.

    Das Argument mit dem knappen Budget lasse ich nicht unbedingt gelten, denn mittlerweile kann man sich sogar seinen Kartoffelsalat per Kickstarter finanzieren lassen, warum also dann auch nicht ein paar Spiele-PCs und Konsolen nebst Peripherie und Grundbestand?

    Von der Funktionsarmut der Bibliothekskataloge will ich gar nicht erst sprechen, aber es ist kein Geheimnis, dass es den kommerziellen Softwareherstellern nur um Profit, nicht aber um das Anbieten eines herausragenden Produktes geht. Sogar das Open-Source-Bibliothekssystem Koha interessiert sich offensichtlich nicht dafür, eine Buchempfehlungsfunktion wie z. B. bei Amazon einzuführen.

    Die Studie zur Nichtnutzung von Bibliotheken hat ergeben, dass diverse Nutzer die Dienstleistungen der Bibliothek gerne sonntags – also an ihrem freien Tag – wahrnehmen würden – was Sie auch angesprochen haben – doch offenbar stellt der unsichtbare bärtige alte Mann im Himmel trotz Nietzsches berühmter Feststellung “Gott ist tot” immer noch ein starkes Hindernis dar.

    Zudem mache ich immer wieder die erschreckende Erfahrung, dass deutsche Bibliotheken vor Allem von alten Frauen geleitet werden, die, sofern sie denn Bibliothekartage und dergleichen besuchen, einen weiten Bogen um progressive Themen zu machen scheinen, denn anders kann ich mir die Unwissenheit und Ignoranz hinsichtlich aktueller Themen wie Gamification, Datenschutz, moderne IT und soziale Medien nicht erklären.

    Selbstredend werden moderne, junge Bibliothekare ohne 100 Jahre Berufserfahrung mit Absagen überhäuft (dieses Vorgehen scheint in der BRD mittlerweile normal zu sein), weswegen der Fortschritt in diesem Land sich nur sehr langsam etablieren wird.

    Und ja, die Verwendung des Begriffes “Nutzer” ist akkurater als “Kunde”, denn der Kunde ist ein Kaufinteressent.

    Vielen Dank für diesen notwendigen Artikel und bitte machen Sie weiter so!

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