Warum die Internetbewohner keine besseren Menschen sind

Warum die Internetbewohner keine besseren Menschen sind

Liebe Leser,

ich bin gerade in Gütersloh im Hotel. Nachdem ich heute zum ersten mal mein neues Workshop-Angebot genauer gesagt die Mobile-Internet-Tablet-Smartphone-Roadshow erfolgreich durchgeführt habe, geht es morgen um einen Vortrag zur Nutzung von Social-Media und Klimaschutz. Eigentlich wollte ich heute über die Frage schreiben, ob wir eine Gesellschaft von „Digitalen Analphabeten“ schaffen. Allerdings gehen mir seit einigen Tagen eine Vielzahl an Gedanken durch den Kopf und ich habe beschlossen, heute darüber zu schreiben. Schon seit einigen Wochen habe ich das Gefühl, dass irgendwas nicht stimmt im Internet-Land. Wir haben erlebt, wie wir online das Thema des ehemaligen Bundespräsidenten Wulff bearbeiteten. Ich habe fleißig mitgemacht. Auch ich habe meine Beiträge zu #wulffilme auf twitter gepostet, habe mich aufgeregt über die Verstrickung von Wirtschaft und Politik etc. Aber irgendwas stimmt hier nicht.

Ich wurde nervös, als am Dienstagmorgen im Frühstücksfernsehen von ARD/ZDF die Vertreterin der Partei „Die Linke“ Gesine Lötzsch über ihre ablehnende Haltung zu Joachim Gauck sprach. Versteht mich nicht bitte nicht falsch. Es geht mir überhaupt nicht um ein Pro oder Contra zu Gauck – es ist mir ehrlich gesagt so langsam egal und Blixa Bargeld oder meine Mutter werden wohl nicht nominiert werden. Was mich aber verwunderte war, dass sich Gesine Lötzsch in ihrer Kritik – zumindest war das meine Wahrnehmung – u.a. auf die Internetgemeinde berief. Es gäbe dort ja „Shit-Storms“ gegen Gauck. Ich war etwas verwundert. Natürlich gab und gibt es online Kritik an Gauck – und ich halte Kritik für etwas wichtiges und positives – aber es gab doch mitnichten eine klare Tendenz für oder gegen eine Person. Und eben gerade bei Anne Will hieß es wieder, die Internetgemeinde wäre doch so kritisch und gegen Gauck eingestellt.

Ja, es gab und gibt sehr viele kritische Stimmen bezüglich Gauck. Es geht dabei u.a. um angebliche oder reale Äußerungen zu Sarrazin, Occupy und die Vorratsdatenspeicherung. Ich saß gerade beim Frühstück im Hotel als ich auf Twitter die vielen Tweets lesen durfte, die Gauck für unwählbar erklärten. Ich wollte diese ganzen Tweets sofort retweeten. Das was ich da lesen musste war zu schockierend. Was mich davon abhielt war die Tatsache, dass ich mir noch ein bißchen Obstsalat holen wollte und irgendwie landete ich dann mit meinem Smartphone auf Seiten von Zeitungen, denen Gauck ein Interview gegeben hatte. Dabei ging es nun auch um die benannten Themen aber es zeigte sich nun ein ganz anderes Bild. Zumindest nach meinen Recherchen sind die Vorwürfe so nicht haltbar. Wenn ich alles richtig verstanden habe, haben einige der Twitterer ihre Aussagen auch zurück gezogen.

Warum schreibe ich das alles? Ich glaube wir erleben gerade eine oder mehrere Verzerrungen der Realität. Zum Einen erkennt man, wie wenig Medien und Politiker über das Internet wissen. Die Internetuser sind eine sehr heterogene Gruppe und sie sind alles andere als eine neue politische Größe. Es gibt nicht die Internetgemeinde. Ich habe keine genauen Zahlen aber bei aller Sympathie für Menschen, die im Web politische Bewegungen aufbauen wollen, ist es nach meiner Beobachtung doch so, dass es immer noch sehr kleine Gruppen sind, die hier diskutieren. Nur weil es eine Seite auf Facebook für oder gegen einen Politiker gibt, und da einige tausend Menschen mitmachen, ist es doch keine Massenbewegung. Und die Fixierung der Medien auf einen verhältnismäßig kleinen Personenkreis im Netz sorgt doch letztlich nur dafür, dass die großen Gruppen, z.B. die Gamer gar nicht wahrgenommen werden. Und wir dürfen doch auch den Entertainment-Charakter des Web nicht vergessen. Die vielen Beiträge z.B. zu #wulffilme waren doch nicht alle politische Aussagen. Es war doch sehr viel Spass und Entertainment dabei.

Zum Anderen sind doch Menschen, die im Internet aktiv sind keine besseren Menschen. Sicher, einige sind gegen den Kapitalismus und andere – und dazu zähle ich mich auch – möchten gerne eine bessere Welt erschaffen. Aber wir wissen doch z.B. auch, dass auf den vielen Konferenzen u.a. mittels iPads getwittert wird. Und bei allem Respekt, gerade wir, die wir uns für besonders informiert halten wissen, unter welchen Bedienungen diese netten kleinen Spielzeuge hergestellt werden. Wo also gibt es den großen Shitstorm zu Apple? Wo gibt es einen Boykott zu Apple-Produkten, bis nicht ganz transparent nachgewiesen wird, dass unsere Standarts auch für die Arbeiter in China gelten? Bei Wulf demonstrieren wir und werfen Schuhe, bei Apple konsumieren wir und werfen unsere Geldscheine. Ich bin nicht besser – dieser Beitrag entsteht auf einem iPad.

Ich glaube wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht für zu wichtig halten. Die Tatsache, dass wir im Web aktiv sind, macht uns nicht automatisch zu einer neuen oder gar besseren Gesellschaftsklasse. Wir müssen m.E. vor allem dafür sorgen, dass noch viel mehr Menschen im Netz aktiv sein wollen. Aktivität im Netz bedeutet aber nicht, dass wir vorgeben, was denn da gedacht werden soll. Im Gegenteil, wenn wir ein freies Netz haben möchten, dann gehört dazu auch, Pluralität zu ermöglichen. Ich denke wir sollten des weiteren den Medien bewusst machen, dass es keine Internetgemeinde gibt. Das Internet ist einfach nur eine Plattform für Ideen und Kommunikation. Niemand ist klüger oder cooler oder besser, nur weil er eine Gruppe von Menschen im Netz aktivieren kann.

Vielleicht bräuchten wir wirklich weitaus mehr aktive Bibliothekare im Netz. Diese Berufsgruppe ist u.a. darauf trainiert, Quellen zu analysieren. Sie hätten vielleicht schneller herausgefunden, dass einige Aussagen bezüglich Gauck nicht stimmen. Ich für meinen Teil möchte zumindest nicht, dass sich jemand wie Gesine Lötzsch auf mich oder die Internetgemeinde berufen darf. Und ich hätte mir gewünscht, dass der Protest gegen eine solche Instrumentalisierung genauso groß wäre, wie der Protest gegen Gauck.

Beste Grüße

Christoph Deeg

PS: Ich glaube, es hat hat heute mehr Menschen beschäftigt, dass der FC Bayern gegen den FC Basel verloren hat, als es Menschen interessierte, ob Gauck der einzig wahre Bundespräsident ist oder nicht. Aber dafür wird sich Anne Will keine Gäste einladen:-)

One Reply to “Warum die Internetbewohner keine besseren Menschen sind”

  1. Endlich! Gut, dass mal jemand, also Sie, mit diesem Internetgemeindenquatsch aufräumt. Das wäre so, als würde wer behaupten, alle Leute mit Telefon bildeten eine homogene Telefongemeinde. Das Web2.0 ist letztlich ein riesiger Stammtisch.

    Ich mag übrigens Stammtisch, behalte mir aber vor, nicht dessen Ansicht zu teilen.

    Freundlich grüßend
    Paule

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