Der ultimative Blogbeitrag bzw. die ultimative Zusammenfassung zur stARTconference 2011

Liebe Leser,

wenn Ihr die Überschrift meines Beitrages gelesen habt werdet Ihr vielleicht denken, dass die Wortwahl doch etwas übertrieben ist. Der ultimative Beitrag? Heißt das etwa, dass ich die anderen Beiträge von anderen Teilnehmer nicht so gut finde? Habe ich etwa die stART-Weisheit mit Social-Media-Löffeln gefressen?

Keine Sorge:-) Ich habe diese Überschrift bewusst gewählt aber ich bin nicht der Meinung, dass dieser Beitrag im Vergleich zu anderen besser oder schlechter ist. Ich habe diese Überschrift gewählt, weil ich der Meinung bin, dass wir mit viel größerem Selbstbewusstsein an Themen wie Social-Media, Gaming, Storytelling, Onlinemarketing, Kultur- und Wissensvermittlung, mobiles Internet etc. herangehen sollten. Auf der Konferenz ist mir wieder vor Augen geführt worden, wie groß das Potential in diesem Bereich ist. Dies betrifft sowohl die Möglichkeiten, die sich aus der Nutzung des Webs und des Gamings ergeben als auch das Potential welches viele Mitarbeiter in Kulturinstitutionen und Unternehmen haben – wenn man ihnen doch nur endlich kreative Freiräume und halbwegs erträgliche technische Ressourcen zur Verfügung stellen würde.

Was ist die stARTconference?

Falls jemand die stARTconference noch nicht kennt: die Konferenz richtet sich an alle Menschen aus Kulturinstitutionen und der Kreativwirtschaft, die sich mit Themen wie Social-Media und dem mobilen Internet beschäftigen – oder anders ausgedrückt: Personen die ihre Zukunft aktiv gestalten möchten. Es gibt eine Vielzahl an Konferenzen und Tagungen in Deutschland. Die stARTconference ist – neben der Gamescom – mit Sicherheit die inhaltlich wichtigste und spannendste Veranstaltung und dies hat im wesentlichen drei Gründe:

  1. Die stARTconference ist kein Nerd-Klassentreffen. Hier treffen sich keine „Digital-Radicals“ um sich gegenseitig auf die Schulter zu klopfen. Die Teilnehmer der stARTconference sind Menschen, die Kultur mögen und lieben, die in der Kultur- und Kreativszene arbeiten, und die verstanden haben, dass Social-Media und Co. völlig neue Möglichkeiten für das Marketing, die Kultur- und Wissensvermittlung, die PR und die Organisationsentwicklung bedeuten.
  2. Die stARTconference ist interdisziplinär. Auf der Konferenz treffen sich Mitarbeiter also die „Macher“ aus Kulturinstitutionen und Unternehmen, um Ideen und Wissen zu teilen und zu diskutieren. Ein großes Problem im Kulturbereich ist nachwievor eine mangelnde interdisziplinäre Vernetzung. Damit ist zum Einen die Vernetzung zwischen den einzelnen Kulturbereichen und zum Anderen die Vernetzung zwischen Institutionen und Unternehmen gemeint. Viele Probleme und Herausforderungen lassen sich in einem interdisziplinären Netzwerk viel besser lösen.
  3. Die stARTconference ist sehr gut organisiert. Die Macher der Konferenz sorgen immer wieder für eine tolle Atmosphäre und gehen auch gerne mal ein Risiko ein. Es wäre einfach gewesen, einfach eine weitere Konferenz zum Thema Social-Media abzuhalten. Hier wurde aber der nächste Schritt gewagt. Mit dem Konferenz-Thema „Transmedia Storytelling“ wurde ein Experiment gewagt – und Experimente sind aktuell bitter nötig:-)

Was aber passierte nun auf der Konferenz?

Beginnen wir mit den beiden ersten Vorträgen. Zuerst muss man verstehen, dass die Konferenz einen Blick aus der Zukunft in die aktuelle Vergangenheit ermöglichen wollte. D.h. die Vortragenden diskutierten aus einer fiktiven Zukunft heraus. Den Opener gestaltete Marcus Brown. Es ist schwer zu beschreiben wie gut der Vortrag war – man hätte es erleben sollen:-) Marcus Brown ist ein Geschichtenerzähler des digitalen Zeitalters. Sein Vortrag begann damit, dass er erklärte, dass er jetzt gerade – also im Jahr 2020 – aus dem Gefängnis entlassen worden wäre. Seine Taten in der Vergangenheit – also zum jetzigen Zeitpunkt – bereue er nicht. Und dann erzählte er, was er gemacht hatte: Einfach ausgedrückt hat Marcus Brown im Web fiktive Personen zum Leben erweckt. Diese Personen haben zum Teil beeindruckende Projekte und Netzwerke entwickelt. Auf den Plattformen war zu erkennen, dass es sich nur um fiktive Figuren handelte. Dies wurde aber zusehends von vielen Online-usern nicht wahrgenommen. Marcus Brown nutzte jede Möglichkeit, die Charaktere realitätsnah darzustellen und irgendwann schienen sie wirklich zu leben. Die fiktiven Charaktere gehörten plötzlich zur Lebensrealität einer großen Zahl an Menschen.

Nicht nur der Inhalte sondern auch die Art und Weise des Vortrages waren wirklich beeindruckend. Es war lehrreich und zugleich amüsant. Zum Ende des Vortrages fragte Frank Tentler, ob man Marcus Brown z.B. für Workshops buchen könnte. Eigentlich ein sehr gute Idee jedoch ist mir im später klar geworden, dass die „Lehre“ in diesem Bereich Grenzen haben wird. Marcus Brown ist nicht nur ein Social-Media-Geschichtenerzähler. Marcus Brown ist Marcus Brown, d.h. der ist wirklich so. Man kann Ideen und Erfahrungen weitergeben – es hängt aber sehr viel von der jeweiligen Person ab, was man daraus macht. Man muss auch nicht Marcus Brown werden, sondern man sollte selber seinen eigenen Weg in die Welt der Social-Media-Geschichten gehen. Das soll nicht heißen, dass ich nicht empfehlen würde, von Marcus Brown zu lernen bzw. einen Workshop mit Ihm zu besuchen.

Nach Marcus Brown war dann Frank Tentler dran. Er zeigte Möglichkeiten und Herangehensweisen beim „Transmedia Storytelling“ auf. Sehr gut gefiel mir, dass er auch auf die Ressourcen und internen Aufgaben einging. Es ist sehr wichtig, dass die jeweilige Institution bzw. das jeweilige Unternehmen die Kontrolle über die Social-Media-Aktivitäten innehat und auch behält. Es ist ebenso wichtig, die Mitarbeiter zu schulen – Stichwort „Hilfe zur Selbsthilfe“. Es gab aber auch Punkte, bei denen ich anderer Meinung bin. In seinem Vortrag ging es primär um Marketingfragen und quantitative Zielsetzungen wie z.B. eine möglichst hohe Zahl an Kontakten. Was mir ein bisschen fehlte war die Frage der Inhalte und der Nachhaltigkeit. Ebenso fehlte mir die m.E. sehr wichtige Verbindung von Online- und Offlineaktivitäten. Natürlich ist Marketing ein wichtiges und spannendes Thema. Ich selbst arbeite und lehre seit vielen Jahren in diesem Bereich. Jedoch sollten gerade Kulturinstitutionen einen ebenso großen Wert auf die Kulturvermittlung legen. Ich würde in diesem Zusammenhang sogar Birgit Mandel folgen, die immer wieder die Frage anspricht, ob Kulturmarketing nicht vielleicht eine Unterfunktion der Kulturvermittlung ist.

Der Social-Media-Battle:

Nach diesem Vortrag wandelte ich mich vom Konsumenten zum Produzenten oder anders ausgedrückt: mein Social-Media-Battle ging los. Ich war zugegeben etwas nervös. Es war das erste Mal, dass ich das Konzept ausprobieren konnte. Zwar hatte ich Elemente davon schon in meinen Workshops ausprobiert, aber dieses mal ging es um viel mehr. Ich wollte ja auch herausfinden, ob man dieses Konzept in der Zukunft Institutionen und Unternehmen anbieten kann. Die Ausgangslage war nicht perfekt. Da sich entgegen den Erwartungen nur zehn Teilnehmer angemeldet hatten und dies zudem erst kurz vor der Konferenz geschah, musste ich einiges umbauen. Ich hatte mich entschieden den Teilnehmern die Inhalte und Elemente des Battles zu erklären und zu beschreiben, die ich aus den genannten Gründen auslassen musste. Es war also ein Experiment im Experiment und ich kann heute voller Freude sagen: ES FUNKTIONIERT!!!!!!

Die Idee des Social-Media-Battles ist eigentlich denkbar einfach: In meinen Workshops zeige ich Unternehmen und Institutionen, wie man mit dem Thema Social-Media erfolgeich umgehen kann. Dazu gehört natürlich auch, auf mögliche Fehler und Problemstellungen hinzuweisen. Ich teile also mein Wissen und meine Erfahrungen mit den Workshopteilnehmern. Die Methode ist in der Regel Frontalunterricht, angereichert mit Diskussionen und Übungen. Ich glaube jedoch, dass man das Thema viel besser erschließen bzw. verstehen kann, wenn man die Konsequenzen der jeweiligen Entscheidungen selber erlebt. Deshalb habe ich den Social-Media-Battle entwickelt. Hierbei entwickeln die Teilnehmer im Rahmen eines Spiels ein Social-Media-Konzept. Es treten dabei immer mindestens zwei Gruppen gegeneinander an. Durch diese Methode kann ich verschiedene Problemstellungen durchspielen. Die Teilnehmer lernen aus ihren eigenen Fehlern.

Der “Beta-Battle” auf der stARTconference funktionierte sehr gut. Besonders gefreut habe ich mich darüber, dass ich von den Teilnehmern ein sehr gutes Feedback bekommen habe. Alle sagten, dass sie auf diesem Weg die einzelnen Elemente besser gelernt hatten als es bei einem klassischen Workshop der Fall gewesen wäre! Somit kann ich nun das Konzept fertigstellen und es voraussichtlich im Dezember präsentieren bzw. anbieten. D.h. ab Januar 2012 können erste Battles für interessierte Institutionen, Unternehmen und Einzelpersonen stattfinden.

Durch den Social-Media-Battle konnte ich natürlich viele spannende Vorträge nicht erleben. Aber dafür gab es eine Lösung: Es gab ein paar Teilnehmer des Battles, die zudem auch den einen oder anderen Vortrag sehen wollten. Auch dieser Wunsch war in den Ablauf des Battles integriert. Verließ ein Teilnehmer sein Team, um einen Vortrag auf der Konferenz zu sehen, wurden dem Team Punkte abgezogen. Wenn das Teammitglied dann zurück kam, wurden die Punkte wieder gutgeschrieben. Wichtig war aber, dass das Teammitglied sein neu erworbenes Wissen in die Gruppe einbrachte, damit das Team ein besseres Konzept erstellen konnte. Deshalb gab es auch Sonderpunkte, wenn der temporäre Ausfall des Teammitglieds zu einen Mehrwert für die ganze Gruppe durch neues und externes Wissen sorgte. Auf diesem Weg lernen die Teilnehmer z.B. wie wichtig es ist, immer wieder externes und vor allem interdisziplinäres Wissen zu erlangen.

Da ich nun einige Vorträge nicht erleben durfte, kann ich nur noch über den Vortrag von Christian Henner-Fehr berichten. Ich kenne Christian schon länger und schätze seine Arbeit sehr. In seinem Vortrag ging es vor allem um die Fragestellung, die auch bei mir einen sehr großen Teil der Arbeit ausmacht: Die Struktur und Kultur von Institutionen und Unternehmen. Social-Media wirkt nicht nur nach außen sondern auch und vor allem nach innen. Viele Institutionen und Unternehmen beginnen mit Social-Media-Aktivitäten und müssen schnell feststellen, dass ihre Strukturen sowie ihre Denk- und Arbeitsweisen für diese neue Herausforderung nicht kompatibel sind. Es beginnt also ein Wandlungsprozess, welcher parallel zum Aufbau der Social-Media-Aktivitäten beginnt und durchgeführt wird. Wenn ich gefragt werde, was Social-Media bedeutet, antworte ich immer, dass Social-Media nichts mit Technologien oder Plattformen zu tun hat, sondern dass es sich dabei um eine völlig neue Form zu Denken und zu Arbeiten handelt. Social-Media ist nicht PR oder Marketing oder Kultur- und Wissensvermittlung. Es ist vielmehr eine Querschnittsfunktion die nahezu alle Bereiche eines Unternehmens oder einer Institution beeinflusst.

Was mich an der stARTconference besonders freute war die Tatsache, dass ich einige Twitter-Kontakte zum ersten mal real treffen durfte. In meiner Social-Media-Welt gibt es Menschen, die ich real kenne und mit denen ich dann auch online vernetzt bin – und es gibt das Gleiche auch umgekehrt. So macht Social-Media Spass. Wenn wir gerade beim Spass sind: die stARTconference hat mir sehr großen Spass gemacht! Ich möchte mich ganz herzlich bei den Machern dieser so wichtigen Konferenz bedanken. Dabei geht es mir nicht nur um die Konferenz an sich, sondern auch und vor allem um die Möglichkeit, den Social-Media-Battle durchzuführen.

Wenn es überhaupt etwas zu mäkeln gibt, dann waren es zwei Dinge. Zum Einen waren alle Räumlichkeiten sehr kalt. Sowohl im Hauptsaal als auch im Raum des Social-Media-Battle konnte man zum Teil nur mit dicker Jacke oder Mantel sitzen. Zum Anderen gab es kein freies WLAN, was bei so einer Konferenz unbedingt möglich sein sollte. Gerade für die Besucher aus dem Ausland war es so kaum möglich, online aktiv zu sein.

Fazit:

Ich verließ die stARTconference mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Das lachende Auge erklärt sich aus der Tatsache, dass die Konferenz wirklich klasse war. Es hat sehr großen Spass gemacht, ich konnte sehr viele spannende Menschen kennenlernen und ich habe den Social-Media-Battle erfolgreich getestet. Ich freue mich schon sehr auf die nächsten Battles und hoffe es gibt viele Interessenten:-) Das weinende Auge wiederum erklärt sich aus der Erkenntnis, dass viele der Konferenzteilnehmer nun in Institutionen zurückgehen müssen, in denen sie ihre Ideen, ihre Motivation, ihre Kreativität etc. nicht ausleben dürfen. Viele werden sich auch in Zukunft immer wieder dafür rechtfertigen müssen, dass sie das Thema Social-Media viel intensiver bearbeiten wollen. Viele haben noch immer keinen freien Zugang zum Internet von halbwegs erträglichen technischen Ressourcen ganz zu schweigen. Viele dürfen nicht selbstständig arbeiten und haben kaum die Möglichkeit, neue Plattformen auszuprobieren. Es gibt noch viele weitere Gründe die letztlich erklären, warum wir heute immer noch von einer sehr kleinen Minderheit an Institutionen und Unternehmen sprechen, die erfolgreich Social-Media nutzen (können). Wie gesagt: Social-Media ist vor allem eines: Eine Welt voller Chancen und Möglichkeiten, die man m.E. nutzen sollte…

Wir stehen immer noch im Hafen. Wir haben ein paar Seekarten betrachtet und ein paar kleine Segler waren ein bisschen unterwegs und haben erste Erkenntnisse gesammelt. Nun geht es darum, die ganze Flotte unter Segel zu setzen und sich mutig auf die Reise zu begeben. Der digitale Lebensraum gehört zur Lebensrealität von Millionen von Menschen. Es wird Zeit diesen Raum aktiv zu gestalten. Leinen los…

Beste Grüße

Christoph Deeg

6 Gedanken zu „Der ultimative Blogbeitrag bzw. die ultimative Zusammenfassung zur stARTconference 2011

  1. Danke für diesen Beitrag und Dein Engagement bei der stART11! Ich glaube weiterhin an die Idee, Social Media in Form eines Spiels zu vermitteln. Vielleicht war die Zeit noch nicht reif, aber ich würde vorschlagen, wir wagen einen zweiten Anlauf. 😉

    1. Hallo Christian,

      das klingt bei Dir so, als wäre der Social-Media-Battle nicht erfolgreich gewesen, dabei war er sogar sehr erfolgreich. Immerhin biete ich ihn ja ab sofort als Workshop an.:-) Btw. nochmals vielen Dank für die Möglichkeit den Battle durchzuführen….

      Beste Grüße

      Christoph

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