Bibliothekskultur im digitalen Raum

Bibliothekskultur im digitalen Raum

Liebe Leser,

heute berichte ich nicht von Chewata Awaqi. Meine zwei Kollegen aus Äthiopien haben die letzten beiden Tage bei Roman Rackwitz und seinem Engaginglab in München verbracht, während ich in Bern war, um die Kornhausbibliotheken im Kontext digital-analoger Bibliotheksstrategien zu beraten. Es war ein sehr spannender Workshop und es wurde mal wieder klar, dass digital-analoge Strategien nur dann wirklich sinnvoll sind, wenn sie auch die Struktur der Organisation umfassend verändern. Genauer gesagt sind die Aktivitäten im digitaln und/oder analogen Raum bzw. die vernetzten Aktionen in beiden Bereichen nur das operative Ergebnis einer umfassenden Gesamtstrategie, die u.a das Ziel hat, die Organisation kompatibel zur Lebensrealität ihres Umfeldes zu machen. Nur dann ist ein nachhaltiges Agieren möglich und sinnvoll.

Wir lassen uns im Kontext zu sehr von Projekten blenden. Aber digital-analoge Aktivitäten ohne eine Bindung zur Organisation werden schnell zu Satelliten, die um die Organisation kreisen, jedoch keinen Mehrwert bei den Kunden und keine Wirkung in die Organisation zeigen. Vieles was als Social Media-Strategie definiert wird, ist letztlich nur eine Ansammlung operativer Handlungen ohne strategischen Überbau.

Einen weiteren Punkt habe ich in dem folgenden Video besprochen. Es geht um die Frage, ob Kultur- und Bildungseinrichtungen wie z.B. Bibliotheken im digitalen Raum nicht Gefahr laufen, sich zu sehr auf die eigene Kultur  – in dem Fall die eigene Bibliothekskultur – zu konzentrieren. Das Risiko, das ich sehe ist, dass z.B. im Bereich Social Media Inhalte entwickelt und veröffentlicht werden, die nur für eine kleine Zielgruppe relevant sind, nämlich das klassische Bildungsbürgertum bzw. den klassischen und/oder bereits vorhandenen Bibliothekskunden.

Warum wäre dies problematisch? Aus vielen Studien ist bekannt, dass der Kultur- und Bildungssektor nur eine sehr kleine Gruppe von Menschen erreicht. Dieser Prozentsatz wird nochmals geringer, wenn man sich nur auf die instrinsisch motivierten Nutzer konzentriert. Ein Grund dafür ist sicherlich der, dass die Institutionen eine eigene Kultur, eine eigene Identität entwickeln, die mit der Identität oder auch kulturellen Lebensrealität der Zielgruppen nur teilweise kompatibel ist. Es sind also weniger die Werke/Medien/Inhalte als vielmehr das Zusammenspiel zwischen diesen und der Institutionskultur, welches dafür sorgt, dass es bei sehr vielen Menschen Hemmschwellen hinsichtlich der Nutzung der Angebote gibt. Anders ausgedrückt: Das Interesse an den Inhalten ist vorhanden, die Institution wird aber nicht als zur eigenen Kultur/Identität passend angesehen.

Schaut man sich aus dieser Sicht ein paar Social Media-Aktivitäten  einiger  Bibliotheken an, stellt man fest, dass sie in eingen Fällen zu sehr auf sich und den eigenen Erfahrungsraum konzentriert agieren. Das ist durchaus verständlich, jedoch besteht dadurch das Risiko, dass im digitalen Raum die gleichen Hemmschwellen wie im Analogen aufgebaut werden, da die Institution den Fokus auf den eigenen Kulturaum, die eigene Identität legt und nicht versucht, eine Kompatibilität mit vor allem den Zielgruppen zu erreichen, die sie im analogen Raum gar nicht mehr erreicht.

Was wissen Bibliotheken (wirklich) über ihre Nutzer und Nicht-Nutzer?

Dafür wäre aber notwendig zu wissen, ob Bibliotheken wirklich wissen, welche Interessen z.B. Jugendliche oder Migranten oder junge Eltern haben? Und damit wären die Jugendlichen, Migranten und jungen Eltern gemeint, die keine Bibliothek nutzen und auch keine Beziehung dazu haben. Diese Fragestellung habe ich nach der Lektüre eines Beitrages von Karsten Schuldt entwickelt, der sich in einem Beitrag kritisch mit dem vermeintlichen Jugendwahn von Bibliotheken auseinandersetzt.

Wie gesagt, ich kann sehr gut verstehen, warum Bibliotheken und andere Institutionen so im digitalen Raum agieren, aber ich denke es sollte nicht nur versucht werden, mittels digitaler Aktivitäten die Zielgruppen zu erreichen, die man eh schon im (analogen) Portfolio hat. Sonst würden eventuell vorhandene “Kultur-Mauern” aus dem analogen Raum auch im Digitalen zementiert werden.

Beste Grüße

 

Christoph Deeg

 

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