Die Auswirkungen der digitalen Transformation auf den Lernort Bibliothek

Die Auswirkungen der digitalen Transformation auf den Lernort Bibliothek

Liebe Leser,

im Kontext aktueller Bildungsdiskussionen wird immer wieder über den “Lernort Bibliothek” gesprochen. In Nordrhein-Westfalen gibt es zu dieser Überschrift seit einigen Jahren sogar ein Landesprojekt, welches die Bibliotheken zu eben diesen Lernorten entwickeln soll. Ich kenne dieses Projekt sehr gut, denn ich bin schon sehr lange Teil des Projektes. Und so habe ich – nicht nur dort – eine große Zahl an Bibliotheken in die digitale Zukunft begleitet. In den letzten Jahren ist in der Bibliothekswelt sehr viel passiert. Die Bibliotheken wurden von der “digitalen Revolution” mehr oder weniger kalt erwischt. Zwar waren sie schon immer auch digital aktiv, z.B. mit ihren Bibliothekskatalogen, Webseiten, Datenbanken etc., aber dabei handelte es sich letztlich immer um digitale Formen des analogen Bestandes. Mit Themen wie Social Media oder dem mobilen Internet kamen nun völlig neue Herausforderungen auf die Bibliotheken zu. Zudem entstanden mit Google, Amazon und Co. plötzlich mächtige Konkurrenten, deren Kultur auf den Logiken und Mechaniken des digitalen Raumes basierte. Eben jene Kultur stellt bis heute eines der Hauptprobleme bei der Weiterentwicklung der Bibliothekswelt dar. Dabei ist die Kultur der Bibliotheken nicht schlechter, meine Aussage soll also nicht wertend gemeint sein. Aber die Kompatibilität mit der Lebens- und damit Lernrealität eines großen Teils unserer Gesellschaft ist noch immer nur in Teilen gegeben.

Dies liegt nicht unbedingt an den Bibliotheken selber, sondern sehr oft an deren Umfeld. Sehr viele Bibliotheken – ich behaupte die Mehrheit der Bibliotheken – haben bis heute keinen freien Internetzugang. Die digitale Infrastruktur ist ebenso ein Problem. Es existieren nur selten finanzielle und strukturelle Ressourcen, um die Mitarbeiter auf den digitalen Raum vorzubereiten. Besonders schwierig wird es dann, wenn das Umfeld der Bibliothek – dies betrifft Träger wie auch Kunden – antiquierte Sichtweisen zu Sinn und Zweck einer Bibliothek haben. Dies führt sehr oft zu falschen Zielvorgaben und Budgets. Noch immer wird in vielen Fällen fälschlicherweise geglaubt, die Anzahl der ausgeliehenen Medien oder die Anzahl der Besucher einer Bibliothek würden irgendetwas über den Erfolg dieser Bibliothek aussagen.

Diese Diskussion steht immer noch am Anfang aber sie bremst den gesamten Bildungssektor aus. Nachvollziehbar ist dieser Gedanke indes nicht. Wenn es um die Nutzung digitaler Medien geht, wird immer und zurecht darauf verwiesen, dass digitale Medien nicht automatisch besser seien oder automatisch einen Mehrwert brächten. Erst durch einen passenden Kontext, durch sinnvolle Methoden wird die Nutzung digitaler Medien sinnvoll. Aber dies trifft auch auf analoge Medien zu. Ein Buch ist keine Bildungs-Wunderwaffe und ein Besuch einer Bibliothek bedeutet an sich nur einen Besuch eines Ortes. Erst der Kontext macht eine Bibliothek sinnvoll. Der Assistant Director der Ann Arbor District Library, Eli Neiburger hat in diesem Zusammenhang das Konzept der Unique Experiences entwickelt. Es besagt, dass Bibliotheken Erfahrungsräume anbieten, die es so nur in der Bibliothek gibt.

Ein bekannter Kontext ist das Thema “Buchkultur”. Bibliotheken haben sich hier hervorragend positioniert. Sie sind quasi Meister der Buchkultur. Wenn aber das Buch nur ein Medium unter vielen ist, und wenn zudem Lernen nicht mehr automatisch über ein Buch erfolgen muss, dann sollten Bibliotheken multioptionale Kulturwelten werden.

Kommen wir noch zu einem weiteren Punkt: in sehr vielen Berufszweigen geht es immer weniger um den jeweiligen Ausbildungsabschluss und immer mehr um spezielle Kompetenzen. Es geht in diesen Fällen nicht mehr um  “Was hast Du gelernt?” sondern um “Was kannst Du?”. Kompetenzen kann ich auf unterschiedlichsten Wegen erlangen – was bedeutet das für eine Bibliothek? Und bedeutet dieser Prozess nicht auch, dass wir Bibliotheken nicht anders denken müssen? In Bibliotheken gibt es zu sehr vielen Themen passende Medien – gibt es denn auch passende Kompetenzen? Wenn Wissen keine Kompetenz mehr ist – was steht dann zukünftig in den Bibliotheksregalen?

Ich habe zu diesen Gedanken auch ein Video aufgenommen. Darin gehe ich u.a. auf die Formen der Bestände in Bibliotheken ein:

Heute Nachmittag werde ich zu genau diesen Fragestellungen einen Vortrag halten. Ich möchte die Teilnehmer davon überzeugen, dass Social Media und Co. nur ein  Anfang sein können, und dass es im digitalen Raum eben nicht primär um PR, sondern um die Erweiterung des analogen Lernortes geht. Ich werde berichten…

Beste Grüße

 

Christoph Deeg

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