Von Kulturinfarkten, Reflexen und dem Untergang der keiner ist… erster Teil

Liebe Leser,

es ist gerade eine spannende Zeit angebrochen. Da gibt es ein Buch. Es nennt sich “Der Kulturinfarkt” und ist im Knaus-Verlag erschienen. Die vier Autoren Pius Knüsel, Armin Klein, Dieter Haselbach und Stephan Opitz haben eine Idee: Kann es sein, dass unsere Kulturfinanzierung bzw. Kulturförderung in die falsche Richtung geht? Bedeutet immer mehr Geld auch ein immer mehr an Kultur? Das dieses Buch kommen würde war schon länger bekannt. Wer in den letzten Monaten öfter auf kulturpolitischen Tagungen unterwegs war wurde immer wieder darauf hingewiesen. Pius Knüsel sprach einige Punkte schon auf dem Kulturpolitischen Kolloquium in Loccum 2011 an. Und mit Dieter Haselbach habe ich schon öfter über das Thema gesprochen. Ich hätte mir zugegeben gewünscht, dass diese Diskussion weniger über ein käuflich zu erwerbendes Buch als vielmehr auf einem Blog stattgefunden hätte – d.h. nun findet sie ja auch auf Blogs statt:-) Vielleicht wäre auch ein Open-Access-Modell interessant gewesen. Mit Simon A. Frank habe ich diesbezüglich schon auf Facebook diskutiert und ich glaube er hat recht wenn er sagt, dass die Klientel die damit erreicht werden soll und muss noch lange nicht in der Welt der Blogs etc. angekommen ist. Immerhin gibt es das Buch als eBook für den Kindle und ich reise morgen zu einem Vortrag zur Zukunft der Bibliotheken und anderer Kultur- und Bildungsinstitutionen nach Österreich – ich habe also Zeit zu lesen:-)

Aber kommen wir zurück zu dem Buch. Ich habe es noch nicht gelesen. Aus diesem Grund möchte ich diesen Beitrag aufteilen. Dieser Teil entsteht, bevor ich das Buch gelesen habe. Der zweite Teil entsteht, wenn ich es gelesen habe. Insofern geht es in diesem Teil weniger um das Buch an sich als vielmehr um ein paar persönliche Beobachtungen drumherum. Kaum wurde in verschiedenen Medien auf das Buch hingewiesen kam es zu den üblichen Reflexhandlungen. Alle möglichen Lobbyorganisationen inkl. der Kulturrat gingen auf die Barrikaden. Das war vielleicht nicht anders zu erwarten. Immerhin existieren sie ja in wesentlichen Teilen, um die Ressourcen ihrer Mitglieder zu sichern. Und zugegeben die Idee, die finanziellen Mittel um 50% zu kürzen ist eine Provokation. Aber ist es das wirklich? Ist diese Idee, die mit Sicherheit nicht umgesetzt werden wird, wirklich eine Provokation? Aus Sicht derjenigen, die sich primär um die finanziellen Mittel kümmern mit Sicherheit – für die anderen Menschen eher nicht. Die weitaus größere “Provokation” sollte m.E. sein, dass an immer mehr Orten Kultur ohne Kulturinstitutionen stattfindet. Es geht den Menschen um Inhalte aber nicht um Institutionen. Es interessiert die Menschen auch nicht, ob eine kleine elitäre Gruppe an der Trennung zwischen der sog. Hoch- und der sog. Trivialkultur festhält. Kulturbereiche wie die Welt des Gamings könnten sich im Umfeld klassischer Kulturinstitutionen gar nicht entwickeln. Solche Kulturbereiche sind zu schnell, zu offen, zu innovativ und zu kopperativ. Ein Kulturbereich wie die Welt des Gamings hat sich bewusst für eine kommerzielle Basis entschieden – mit allen Vor- und Nachteilen.

Und das Web? Dort finden wir die Menschen und die kulturellen Inhalte – die Institutionen werden dort nicht gebraucht. Gäbe es nur noch Kultur im Netz – ein Zustand denn ich mir nicht wünsche – wären Kulturinstitutionen unnötig. Wir könnten das ganze Geld den Künstlern geben. Innovationsmanagement in Kulturinstitutionen? Wie wäre es damit? Wenn sich Kulturinstitutionen gegen die digitale Welt stellen, dann agieren sie nicht gegen die Technologie und für ein konservatives Menschenbild – sie agieren gegen die Lebensrealität der Menschen. Und natürlich ist die digitale Welt nicht alles – aber der Umgang damit ist ein Indiz für die Fähigkeit von Institutionen kreative, offene und kooperative Plattformen zu entwickeln und anzubieten. Die vielzitierte Deutungshoheit ist durch das Web nicht verschwunden – das Web zeigt vielmehr, dass diese Deutungshoheit nie existierte. Vielleicht sind ja Electronic Arts und Google die Kulturinstitutionen der Zukunft. Vielleicht sind Crowdfunding-Projekte die neuen Kulturförderprogramme.

Nun gut – es wird Zeit das Buch zu lesen. Und dann werde ich den zweiten Teil des Blogbeitrages veröffentlichen. Wenn es alles klappt kann ich sogar während des Lesens direkt aus dem Kindle meine Ideen und Kommentare mit Euch teilen. Die ganz große Frage ist aber eine andere: Wird es wie so oft wieder nur bei einer Diskussion einer sehr kleinen und elitären Gruppe bleiben oder wird es wirklich zu Veränderungen kommen? Ist das Werk nur eine weitere “Kulturpolitische-Rotwein-Diskussions-Anekdote” oder wird es am Ende Ideen und Projekte für die Kulturinstitution der Zukunft geben? Schlimmstenfalls konzentriert sich die Diskussion darauf, bloß keine Kürzungen in den Etats zu bekommen – dabei geht es gar nicht um Geld sondern um die Frage was Kulturinstitutionen heute und in der Zukunft sein sollen. Mein Vorschlag: Ich lade die Autoren und alle Interessierten ein, in der realen Welt darüber zu diskutieren – diesen August auf der Gamescom:-)

Beste Grüße

Christoph Deeg

2 Gedanken zu „Von Kulturinfarkten, Reflexen und dem Untergang der keiner ist… erster Teil

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