Warum Kulturmanager, Marketingmanager, Bibliothekare und Archivare die Gamescom besuchen sollten

Liebe Leser,

in ein paar Tagen ist es wieder soweit: in Köln startet die Gamescom. Auch dieses mal bin ich wieder mit dabei – die Vorfreude ist groß. Die Gamescom ist wie ein großer Spielplatz, eine unglaubliche, kreative Welt. Die Gamescom ist laut und anstrengend und sie macht jede Menge Spass. Ich besuche die Gamescom um zu lernen, auszuprobieren und viele interessante Gespräche zu führen. Und natürlich möchte ich mich am 17. August mit allen Interessierten zum Social-Media-Gaming-Barbecue treffen:-)

Ab dem 16. August werde ich auf meinem Blog aktiv über die Gamescom berichten. Ich habe auch für einen Tag ein eigenes Kamerakind dabei:-) In diesem Beitrag soll es aber vor allem um die Frage gehen, warum Kulturmanager, Marketing-Manager, Bibliothekare und Archivare meiner Meinung nach unbedingt die Gamescom besuchen sollten:

1. Computerspiele sind Kunst bzw. Kulturgut:
Computerspiele sind Kulturgut. Sie sind Teil unserer Gesellschaft geworden. Sie sind immer mehr beeindruckende Kunstwerke. Für viele Menschen gehören sie zur kulturellen Realität. Vor ein paar Wochen wurde ich auf einem Barcamp gefragt, wo man nach neuen Ideen für das Theater und den Film suchen sollte. Meine Antwort war: Spielt Computerspiele. Sie sind riesige interaktive Welten mit unglaublichen Geschichten. Sie sind Theater, Film, Konzert. Dabei geht es nicht um einen Konkurrenzkampf zu den Formaten, die wir schon kennen. Es geht nicht um die Frage Theater oder Computerspiel bzw. Oper oder Computerspiel. Es geht vielmehr darum voneinander zu lernen. Dafür müssen wir aber akzeptieren, dass es sich um gleichwertige Kulturformen handelt. Zu meiner kulturellen Identität gehört das Jazzkonzert, der Salsaclub, das Computerspiel, die Oper etc. Das Besondere: Computerspiele sind eine Kunstform, bei der der Spieler Teil des Werkes wird. Ich habe zugegeben aufgehört TV zu nutzen (ok – bis auf Fussball und ein paar Dokus auf ARTE oder Phoenix). Mich langweilt TV. Und ich genieße die interaktive, bunte Welt des Gamings sehr…

2. Computerspieler sind kreative und spannende Menschen:
Es gibt immer wieder viele Vorurteile gegenüber Gamern. Meine Erfahrung ist folgende: Gamer sind in der Regel spannende, kreative, offene und vor allem innovative Menschen. Computergames sind Teil unserer Gesellschaft geworden. Sie werden von Menschen in allen Alterstufen und Gesellschaftsschichten gespielt. Ein Beispiel: Das bisher am meisten verkaufte Spiel ist “Die Sims” – und dies wird vor allem von Frauen gespielt. Ich nutze die Gamescom vor allem um mit Gamern ins Gespräch zu kommen. Wusstet Ihr, dass der zweitgrößte Wiki nach der Wikipedia der von World of Warcraft ist? Und dieser Wiki wurde von den Gamern erstellt. Und ebenso interessant: Gamer verfügen über Kenntnisse und Erfahrungen, die immer wieder von der Wirtschaft gesucht werden. Auf der Gamescom werden wieder Gamer sein, die die Kleider Ihrer Avatare aus ihren Spielen tragen. Wann habe ich das letzte mal Besucher einer Oper gesehen, die für 5.000.- € ein Gewand der Königin der Nacht geschneidert haben? Ich weiß es nicht – es wird so etwas aber sicher irgendwo geben?

3. Die Gamescom zeigt uns wie man die Kunden integriert:
In den letzten Jahren habe ich an vielen Konferenzen teilgenommen. Sehr oft durfte ich dabei einen Vortrag halten. Was mir bei diesen ganzen Konferenzen z.B. MAI-Tagung, Bibliothekartag etc. aufgefallen ist, ist die Tatsache, dass die Kunden/Nutzer/Besucher nicht eingeladen werden. Man redet bei Vorträgen und Diskussionsrunden über die Kunden aber nicht mit Ihnen. Die Gamescom ist genau das Gegenteil. Die Gamescom stellt den Kunden in den Mittelpunkt – und das ist jedes mal eine sehr spannende Veranstaltung. Sicherlich ist ein Bibliothekartag ein anderes Format als eine Gamescom. Aber ich denke, wir können die Formate der klassischen Konferenzen überdenken. Die Barcamps sind ebenso ein neues Format und sie haben einiges bewegt.

4. Die Gamescom zeigt wie Menschen mit Hochtechnologie umgehen (wollen):
Die Welt der Computergames ist eine Welt der Hochtechnologie. Egal ob es dabei um die Produktion oder das eigentliche Spielen geht. Ich habe mir im Winter des letzten Jahres einen Gaming-PC bauen lassen. Ein handelsüblicher Computer kann die meisten Spiele nicht bearbeiten. Gaming-PCs sind Hochleistungssysteme mit speziellen Grafikkarten, speziellen Tastaturen und Mäusen und teilweise sogar einer ausgefeilten Wasserkühlung. Zudem werden Gaming-PCs von den Gamern selber kontinuierlich weiter entwickelt. Auch die Konsolen wie die Wii, die PS3 und die XBOX360 sind Hochtechnologie, die aber von Millionen von Menschen genutzt werden. Obwohl es sich um komplizierte Hochtechnologie handelt, ist sie massenkompatibel – u.a. weil der Kunde im Zentrum aller Überlegungen steht. Die Gamer sind dabei alles andere als unkritisch. Im Gegenteil, wer sich einmal die Mühe macht, zu bestimmten Themen eine der vielen Gamercommunitys zu befragen – ich habe das getan, als ich die richtige Konfiguration für meinen PC suchte – wird erleben, dass nahezu jede Technologie kritisch analysiert wird. Und doch, am Anfang steht steht immer die Offenheit und das Ausprobieren.

5. Die Gamescom = Spass
Bei allem Stress, aller Lautstärke und der Hitze: die Gamescom macht großen Spass. Spass mag in unserer Gesellschaft immer noch das Gegenstück zum Seriösen sein. Aber die Gamescom zeigt, dass es anders geht. Und wer schonmal eines der größeren Spiele ausprobieren durfte weiß: Spielen ist harte Arbeit:-)

6. Computerspiele sind zukünftige Lernwelten bzw. Plattformen für Kulturvermittlung
Die Entwicklung der Computerspiele ist bei weitem nicht abgeschlossen. Der Verschmelzungsprozess mit dem Web 2.0, die Entwicklung neuer Formate und Technologien, die Nutzung der Technologien auch in anderen Zusammenhängen, all dies und noch viele weitere Punkte zeigen das enorme Potential der Spiele. Sie können in der Zukunft die neuen Lernwelten werden. Dort wo lineares und textbasiertes Lernen an seine Grenzen stößt, können Computerspiele neue Wege aufzeigen. Schon heute kann mit Computerspielen nahezu jeder Inhalt visualisiert und erlebbar gemacht werden. Dabei muss man nicht immer vor einem Computer sitzen. Es gibt zunehmend Projekte, die die Mechanismen von Computerspielen nutzen um in der “Realität” zu spielen und zu lernen. Computerspiele können uns zeigen, wie wir unsere Schule und Universitäten aber auch die Bibliotheken und Museen und nicht zuletzt unsere Unternehmen weiterentwickeln können. Wir können von den Spielen, ihren Entwicklern und vor allem von den Gamern einiges lernen.

Warum also sollten Kulturmanager, Marketingmanager, Bibliothekare und Archivare die Gamescom besuchen?
Mir geht es keinesfalls um einen unkritischen Umgang mit dem Thema. So wie Gaming eine wundervolle Sache sein kann, müssen wir uns auch mit den negativen Aspekten befassen. Am wichtigsten ist aber: Schaut es euch selber an. Wir können von der Welt der Computergames unglaublich viel lernen. Und wir können diese Erkenntnisse in unsere Arbeit einfließen lassen. Nun mögen einige Leser einwenden, dass nun gerade in ihrer Arbeitsrealität das Thema Gaming überhaupt keine Rolle spielt. Warum sollte man also dann die Gamescom besuchen? Ich denke, dass es auch um einen interdisziplinären Austausch bzw. Lernprozess gehen sollte. Die Welt des Gamings ist eine eigene Welt. Sie zu beobachten bedeutet, die eigene Arbeit in einem anderen Licht sehen zu können. Der Besuch der Gamescom kann Inspiration sein. Wir sind gewohnt, uns in unserer eigenen Community zu bewegen. Um zu lernen, sollten wir versuchen, andere Welten zu sehen und zu verstehen. Vielleicht wäre es ratsam, nicht jede Konferenz des eigenen Systems zu besuchen, und dafür zumindest einmal im Leben die Gamescom zu erleben.

Beste Grüße

Christoph Deeg

3 Gedanken zu „Warum Kulturmanager, Marketingmanager, Bibliothekare und Archivare die Gamescom besuchen sollten

  1. Ich hab den Kommentar schon bei Archivalia gepostet, aber warum nicht nochmal:
    Da muss ich ganz deutlich widersprechen: Die GamesCom ist eine hochgezüchtete, laute Marketingveranstaltung. Man quetscht sich zusammen mit tausenden Leuten durch überhitzte Hallen, steht Schlange, um die neusten Demos anzuspielen und wird von allen Seiten mit Werbung und lauter Musik zugedröhnt.
    Dazu kommt, dass die wirklich interessanten Veranstaltungen nur für Leute mit Presseausweis zugänglich sind. Der normale Besucher wird sich nicht in Ruhe mit Spieleentwicklern austauschen können.
    Das kann man sich antuen, muss man aber nicht. Wer wirklich in die Gamercommunity hereinschnuppern will, der sollte folgendes machen:
    a) Einfach ein paar Spiele kaufen. Gerade ältere Spiele kosten mit um die 10€ nicht viel und sollten auch auf etwas älteren Rechnern laufen. Wer etwa die absonderliche Killerspieldebatte verstehen will, sollte einfach mal einen Egoshooter spielen. Wer wissen will, warum so viele Leute Rollenspiele zocken, sollte es einfach mal probieren und wer wissen will, wie die frühe Neuzeit in Computerspielen weg kommt, sollte einfach mal Empire: Total War spielen.
    b) Keine Angst vor schlechten Rechnern. Die absoluten Klassiker und Referenzen laufen auch auf uralten Kisten. Starcraft 1 läuft auf allem, ist aber immer noch eines der besten Strategiespiele. Diablo II oder Baldur’s Gate laufen auch überall, zeigen aber, was Rollenspiele ausmachen. Ähnliches gilt für alle Genres
    b) Es lohnt sich, einfach mal in diversen Gamerforen mitzulesen. forum.gamestar.de ist eines der großen deutschen Foren, neogaf.com das beste englische.
    c) Keine Blogs von Social Media-Beratern lesen, sondern lieber ein paar Zombiemutanten erschießen. Oder doch das Nachbarland erobern. Oder vielleicht lieber ein paar Orks vermöbeln? Mit einem Rennauto durch die Gegend heizen? Experimentiert, liebe Archivare!

    1. Lieber “Geheim”,

      erstmal danke für Deinen Kommentar. Ich nehme einfach mal Deinen Text und antworte auf die einzelnen Punkte:

      “Da muss ich ganz deutlich widersprechen: Die GamesCom ist eine hochgezüchtete, laute Marketingveranstaltung. Man quetscht sich zusammen mit tausenden Leuten durch überhitzte Hallen, steht Schlange, um die neusten Demos anzuspielen und wird von allen Seiten mit Werbung und lauter Musik zugedröhnt. Dazu kommt, dass die wirklich interessanten Veranstaltungen nur für Leute mit Presseausweis zugänglich sind. Der normale Besucher wird sich nicht in Ruhe mit Spieleentwicklern austauschen können.
      Das kann man sich antuen, muss man aber nicht.”

      –> Sorry da bin ich anderer Meinung. Natürlich ist es voll, laut etc. und ja es ist eine hochgezüchtete Marketingveranstaltung. Aber genau das gehört dazu. Es ist Teil dieser Spielkultur. Es mag für Dich eine nervige Veranstaltung sein. Aber es gibt viele andere Menschen, die diese Veranstaltung toll finden. Gamer sind eine sehr heterogene Gruppe. Die Gamescom ist Teil des Ganzen und wenn ich die Welt der Computerspiele so sehe wie ich sie sehe, dann gehört die Beobachtung dieser Veranstaltung mit dazu. Zudem es gibt viele spannende kleine Projekte wie z.B. Creative Gaming, die ebenfalls dort sind und mit denen man sehr gut ins Gespräch kommen kann. Unabhängig davon habe ich u.a im letzten Jahr Bibliothekare und Vertreter von Bezirksregierungen aus NRW über die Messe geführt. Sie alle hatten Fachbesucherausweise und wir trafen uns u.a. mit Vertretern des G.A.M.E.-Bundesverbandes und Electronic Arts. Das Feedback war, dass sie sehr froh waren, die Gamescom und vor allem den Endkundenbereich zu sehen, und dass sie viel gelernt haben.

      “Wer wirklich in die Gamercommunity hereinschnuppern will, der sollte folgendes machen:
      a) Einfach ein paar Spiele kaufen. Gerade ältere Spiele kosten mit um die 10€ nicht viel und sollten auch auf etwas älteren Rechnern laufen. Wer etwa die absonderliche Killerspieldebatte verstehen will, sollte einfach mal einen Egoshooter spielen. Wer wissen will, warum so viele Leute Rollenspiele zocken, sollte es einfach mal probieren und wer wissen will, wie die frühe Neuzeit in Computerspielen weg kommt, sollte einfach mal Empire: Total War spielen.”

      –> Ich stimme Dir absolut zu, dass man unbedingt spielen sollte. Deshalb gibt es ja auch solche Projekte wie die Gaming-Roadshow des Vereins Zukunftswerkstatt Kultur- und Wissensvermittlung e.V.. Allerdings geht es nicht nur um ein paar Spiele. Es geht auch um die aktuellen Visualisierungstechnologien. Und es geht auch um die kontinuierliche Weiterentwicklung der Hardware und des Medium Computerspiel. Einfach ein paar ältere Spiele spielen reicht auf keinen Fall aus.

      “b) Keine Angst vor schlechten Rechnern. Die absoluten Klassiker und Referenzen laufen auch auf uralten Kisten. Starcraft 1 läuft auf allem, ist aber immer noch eines der besten Strategiespiele. Diablo II oder Baldur’s Gate laufen auch überall, zeigen aber, was Rollenspiele ausmachen. Ähnliches gilt für alle Genres”

      –> Vorsicht mit solchen Definitionen. Was ist denn ein Klassiker? Welches Spiel sollte man den unbedingt spielen – und welches nicht? Ein Beispiel: Microsoft Kinect ist ein völlig neues Spielgefühl. Hierfür braucht man eine XBOX360. Und wie schon gesagt, es geht um alle Bereiche der bunten Kultur der Computerspiele – nicht nur um die Klassiker. Und Spiele wie Metro 2033 oder Mafia 2 laufen nicht auf alten Rechnern. Der Fussballmanager 11 auch nur mit großen Abstrichen. Trotzdem gebe ich Dir recht, dass die Beschäftigung mit dem Thema Gaming nicht alleine von der Hardware abhängen sollte.

      “b) Es lohnt sich, einfach mal in diversen Gamerforen mitzulesen. forum.gamestar.de ist eines der großen deutschen Foren, neogaf.com das beste englische.”

      –> Absolut richtig – es ist sehr sehr wichtig die bekannten Foren zu besuchen. Ich empfehle zudem die Lektüre von Gaming-Magazinen wie z.B. GEE oder Gamestar.

      “c) Keine Blogs von Social Media-Beratern lesen, sondern lieber ein paar Zombiemutanten erschießen. Oder doch das Nachbarland erobern. Oder vielleicht lieber ein paar Orks vermöbeln? Mit einem Rennauto durch die Gegend heizen? ”

      –> Ok da widerspreche ich vehement. Nicht nur, weil ich meinen Blog gut finde und weil sich 50% meiner Arbeit um Gaming dreht sondern weil es eine Vielzahl an spannenden Blogs zu dem Thema Gaming gibt. Und es ist wichtig, Blogs aus verschiedenen Richtungen zu lesen. Für mich gibt es viele direkte Verbindungen zwischen Gaming und Social-Media. Es reicht bei weitem nicht aus, einfach nur ein bißchen zu spielen.

      Experimentiert, liebe Archivare!

      –> 100% Zustimmung

      Ich gehe mal davon aus, dass Du nicht auf der Gamescom bist – vielleicht sieht man sich ja an einem anderen Ort…

      Beste Grüße

      Christoph

  2. Klar, wenn man in einer geführten Gruppe auf die gamescom geht, dann ist das etwas anderes. Wenn der interessierte Archivar sich hingegen einfach so ein Ticket kauft, dann wird er einen Kulturschock erleben und nichts lernen.
    Der Kommentar war auch eher an den interessierten Archivar oder Kulturmanager gerichtet, der mal ins Gaming reinschnuppern will. Und da ist es meiner Meinung nach immer noch am sinnvollsten, einfach draufloszuspielen. Und da die Klientel im Zweifelsfall nicht den dicken Rechner hat, lohnen sich halt die alten Klassiker. Und darauf kann man dann aufbauen. Und vielleicht auch mal auf die Gamescom gehen 😉

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