Web 2.0 lernen?

Liebe Leser,

heute möchte etwas über das Thema Aus- und Weiterbildung im Bereich Web 2.0 bzw. Gaming schreiben. Wie einige von Euch sicherlich wissen, bin ich in diversen Projekten als Trainer und Lehrer im Bereich Web 2.0 und Gaming aktiv. Vor ein paar Tagen war wieder Seminartag und es hat ebenfalls wie immer sehr großen Spass gemacht. Allerdings ist mir schon seit längerem aufgefallen, dass die Themen Web 2.0 und Gaming als Plattformen für die Kultur- und Wissensvermittlung, für Marketing und die interne Kommunikation etc. eher ein Nischenthema zu sein scheinen. In vielen Gesprächen mit Studenten und Lehrenden unterschiedlicher Fachgebiete und Bildungseinrichtungen wurde mir dies bestätigt. Im Bereich Gaming kann ich dies noch sehr gut nachvollziehen. Immerhin ist dies ein eher exotisches Thema welches immer noch sehr kontrovers diskutiert wird und dessen Potential bisher kaum erforscht bzw. erkannt wurde. Allerdings kann ich weniger nachvollziehen, warum dies anscheinend auch beim Thema Web 2.0 der Fall ist.

Bitte versteht mich nicht falsch. Ich weiß, dass es sicherlich Universitäten und Schulen gibt, die z.B. mit Wikis und Blogs arbeiten. Aus meiner – zugegeben subjektiven – Betrachtung heraus, ist dies aber kein Massenphänomen. Dies ist meiner Meinung nach ein großes Problem. Ich glaube, dass die Fähigkeit mit dem Web 2.0 zu arbeiten, seine Kultur verstanden zu haben und danach handeln zu können eine der Schlüsselqualifikationen in der Zukunft sein wird. Dabei beziehe ich mich nicht nur auf die Arbeit in den Bereichen Marketing und PR. Zudem ergeben sich aus der Nutzung eine Vielzahl an Möglichkeiten, die Vermittlung von Inhalten jeglicher Art zu verbessern. Aber natürlich ändert sich durch die Nutzung dieser Tools auch die täglich Arbeit. Ein Beispiel:

In meinem Seminar an der Uni Hildesheim habe ich natürlich auch ein paar Hausaufgaben aufgegeben. Das Thema des Seminars ist Onlinemarketing im Web 2.0 und die Aufgabe der Studenten ist bzw. war es, eigenständig drei Onlineauftritte von Kulturinstitutionen auszusuchen und zu analysieren. Die Ergebnisse der Analyse wurden in einem gemeinsamen Wiki (ich nutze hierfür PBWorks) gesammelt. So standen die Informationen sofort allen anderen Seminarteilnehmern zu Verfügung. Sie konnten gelesen und kommentiert bzw. weiter entwickelt werden. Meine Rolle als Lehrbeauftragter war dabei nicht nur die eines Lehrenden sondern auch eines Lernenden. So konnte ich zum Einen sehen, ob mein Konzept der Arbeit mit einem Wiki aufgeht. Zum Anderen – und das war weitaus spannender – durfte ich viele Plattformen kennenlernen, die ich vorher noch nicht kannte. Das gemeinsame Erschließen von Inhalten war also auch für mich von Vorteil. Die Tatsache, dass ich mich als Lehrender und Lernender sehe habe ich den Studenten bereits am ersten Tag gesagt und bin der festen Überzeugung, dass zumindest in meinem Themengebiet das Ziel eher ein Dialog als ein klassischer „Frontalunterricht“ sein sollte. Es geht also nicht nur darum, das Web 2.0 zu nutzen weil es gerade in Mode ist, sondern weil man damit wirklich effizienter und besser arbeiten kann.

Durch die direkte Arbeit mit dem Wiki konnten die Studenten das Arbeiten mit Werkzeugen aus dem Web 2.0 selber erfahren – es ist aber meiner Meinung nach sehr schade, dass das Arbeiten mit diesen Tools nicht bereits im ersten Semester gelehrt und danach überall im Unterricht angewandt wird. Auf diese Art und Weise könnte der Unterricht massiv verbessert werden. Die Frage ist dann aber auch, ob die Lehrenden an Schulen und Hochschulen selber mit diesen Tools arbeiten bzw. dafür aus- und weitergebildet werden.

Die Studenten – dies bestätigen auch viele Studien – nutzen in der Regel Communitys wie Facebook oder StudiVZ. Teilweise sind sie auch bei Twitter aktiv. Sehr selten werden Blogs und Wikis genutzt. Auch die letzte ARD-ZDF-Onlinestudie bestätigt dies. Das bedeutet aber nicht zwingend, dass sie damit nie anfangen würden – aber sie müssen in der Nutzung einen Mehrwert sehen. Dieser Mehrwert ergibt sich selten aus einer theoretischen Diskussion heraus sondern eher aus der eigenen Erfahrung. Mit der Nutzung von Facebook und Co. sind Studenten bereits im Web 2.0 aktiv. Es gilt also nun sie dort abzuholen. Bei Facebook haben diese Studenten gelernt, Inhalte zu teilen, mit anderen zu kommunizieren und sich auszutauschen. Dies ist trotz allem eine gute Basis für weitere Aktivitäten im Web 2.0.

Wenn meine Analyse richtig ist, und an Universitäten zu wenig mit diesen Tools gearbeitet wird bleibt die Frage, warum dies so ist? Liegt es an den Lehrenden? Fehlt es an Know How? Fehlt es an Zeit? Oder braucht man das Web 2.0 vielleicht gar nicht im Kontext der Lehre? Eine Frage, die mich vor allem beschäftigt ist die, inwieweit von potentiellen zukünftigen Arbeitgebern wie Unternehmen und Institutionen ein Interesse besteht, dass dieses Wissen vermittelt wird? Und wenn ja, wird dies auch gegenüber den Bildungseinrichtungen kommuniziert?

Mein Eindruck ist der, dass wir die beiden letzten Fragen mit Nein beantworten müssen – zumindest für die breite der Masse der Unternehmen und Institutionen. Woran kann das liegen? Es könnte sein, dass das Web 2.0 dort bis heute nicht wirklich angekommen ist. Dies betrifft sowohl die Bedeutung dieses neuen „Mediums“ als auch die damit verbundenen Chancen und Möglichkeiten. Noch immer ist meiner Meinung vielen Unternehmen und Institutionen nicht klar, welch tiefgreifende Veränderungen das Web 2.0 mit sich bringt. Damit meine ich nicht kurzfristige Hypes sondern vielmehr die mittel- bis langfristigen Wirkungen. Es geht also nicht nur um die Beobachtung bestimmter Sparten der Kreativwirtschaft wie der Musik- und Filmindustrie. Daneben ist aber anscheinend auch nicht klar, was man alles mit diesen neuen Werkzeugen anfangen kann und wie sie das tägliche Arbeiten sehr oft erleichtern bzw. verbessern. Im Jahr 2010 konnte ich für Kulturinstitutionen, kleine Unternehmen aus der Kreativwirtschaft und sogar eine Unternehmensberatung Workshops zum Thema Web 2.0 durchführen. Unabhängig von der jeweiligen Ausrichtung, der Größe und den damit verbundenen Ressourcen konnte ich erleben, dass nachdem man erfahren hatte, was man mit den Werkzeugen des Web 2.0 alles anfangen kann, das Thema eine völlig neue Bedeutung bekam.

So sehr ich mich freue, dass immer mehr Unternehmen und Institutionen Teil des Web 2.0 werden, so sehr merke ich auch, dass noch sehr viel passieren muss, bis wir wirklich von einer sinnvollen, erfolgreichen und flächendeckenden Nutzung sprechen können. Wenn meine subjektive Einschätzung bezüglich der Einbindung des Themas in die Lehre an Universitäten und Fachhochschulen richtig ist, sollten wir meiner Meinung nach sehr schnell handeln…

Beste Grüße

Christoph Deeg

4 Gedanken zu „Web 2.0 lernen?

  1. Web 2.0 ist als Begriff oder Umschreibung für eine neue Kommunikationsentwicklung noch nicht so weit verbreitet, wie es uns Aktiven erscheint. Fragen mich Bekannte, was ich beruflich mache, stoße ich mit meiner Erklärung “Social Media” auf große, fragende Augen. Ich muß erst einmal ausführlich erklären, was es ist und wozu nütze. Zwar nutzen zahlreiche Menschen Social Media, aber unbewußt. Gleiches gilt für die Lehre. Studenten nutzen die Instrumente, nur wenige bewußt. Bei Lehrenden kommt noch ein Generationsunterschied hinzu. Ich kenne zahlreiche Professoren meines Faches Geschichte, für die Mail und Suchen in Online-Katalogen der Höhepunkt der Internetnutzung ist. Hier fehlt es bei den Lehrenden an Informationen, was Social Media ist und wofür man es nutzen kann. Bis es sich in der breiten Masse durchsetzt, denke ich, werden noch einige Jahre vergehen.

    1. Liebe Wenke,

      vielen Dank für Deinen Kommentar. Ich bin der gleichen Meinung wie Du, jedoch denke ich, dass wir diese Zeit vielleicht nicht haben. Ich glaube auch nicht, dass es sich hierbei um das viel zitierte Generationenproblem handelt. Das Web 2.0 ist längst kein Jugendthema mehr. Vielmehr glaube ich, dass man immer noch nicht die daraus resultierenden Möglichkeiten wahrgenommen hat. Dies hat sicherlich verschiedenen Gründe – ich möchte hier nur zwei näher erläutern.

      1.Die öffentliche Diskussion: Im Wesentlichen diskutieren wir das Internet aus der Sicht von möglichen Gefahren. Facebook und Co. vs. Privatspähre bzw. Schutz privater Daten, Wikileaks und die Frage nach Geheimnissen ganzer Nationen, Probleme bei Onlinekäufen, illegale Downloads, Jugendschutz, Raubkopien, Viren, Trojaner, Suchtgefahren – es scheint, als wäre das Internet vor allem eines: gefährlich. Bitte verstehe mich nicht falsch – alle diese genannten Gefahren sind real. Aber so laut man über alle diese Gefahren redet so leise verhält man sich wenn es darum geht, die Potentiale des Web 2.0 auszuschöpfen. Mit jedem neuen Fall von Gefahren aus dem Internet scheint sich die Warnung zu bestätigen und solange zu wenig mit dem Web 2.0 gearbeitet wird, ergeben sich auch nur für eine kleine Gruppe von Menschen Mehrwerte, die über die „normale“ Kommunikation hinausgehen. Die Gefahr ist allerdings, dass wir diese neuen Werkzeuge flächendeckend nie nutzen werden – und das wäre sehr schade

      2. Die Gruppe der Web 2.0-Aktiven: In letzter Zeit stelle ich mir zunehmend die Frage, ob wir hier nicht mehr und mehr eine geschlossene Gruppe bekommen. Es scheint mir, als würden wir zunehmend weniger Bereitschaft zeigen, Menschen für das Thema Web 2.0 zu begeistern bzw. sie dabei zu begleiten. Das ist durchaus verständlich. Schließlich geht es ja auch darum, sich selber kontinuierlich weiter zu entwickeln. Jedoch hängen wir in diesem Fall eine weitaus größere Gruppe ab. Dies hilft uns auf Dauer nicht weiter denn wenn wir nicht dafür sorgen, dass weitere Menschen damit arbeiten, werden wir auf Dauer nicht nachhaltig erfolgreich sein.

      Was den Zeitfaktor angeht so sehe ich letztlich zwei Gefahren. Zum Einen besteht die Gefahr, dass wir als gesamte Gesellschaft den Anschluss an andere Nationen verlieren. Zum Anderen kann es passieren, dass wir dauerhaft auf die Nutzung dieser Werkzeuge verzichten.

      Beste Grüße

      Christoph

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