Google und das große Fürchten…

Liebe Leser,

es ist nun wieder Zeit Google zu fürchten? Googles Street View soll demnächst starten und schon gibt eine Vielzahl an Befürchtungen und Warnungen. Versteht mich nicht falsch, ich kann manche der vorhandenen Fragestellungen durchaus verstehen. Jedoch ist mir bei manchen Beiträgen zuviel Hysterie im Spiel. Um es vorweg zu nehmen: ja ich bin ein Fan des Google-Universums. Ich habe einen Mailaccount bei Google, ich nutze aktiv Youtube (auch um Videos hochzuladen), ich nutze Flickr und Google Docs. Meine Kollegin Julia Bergmann hat Zugriff auf meinen Google-Kalender und natürlich nutze ich auch den RSS-Reader von Google. Ich habe sogar ein Handy mit dem von Google entwickelten Betriebssystem Android. Alles in allem bin ich also gut mit Google versorgt. Und nein, ich finde nicht alles toll was Google macht.

Was also ist nun passiert?

Google fotografiert Häuser. Sie sind nicht die ersten die dies tun. Der Unterschied ist aber der, dass es letztlich um eine virtuelle Kopie der Realität im Netz geht. Der Prozess des Fotografierens dauert schon sehr lange. Die Autos mit den Kameras auf dem Dach sind schon seit Jahren unterwegs. Aus irgendeinem Grund gibt es aber erst jetzt die große Aufregung. Street View ist gefährlich – heißt es immer wieder und eigentlich kann man die Argumentation gut nachvollziehen. Die Frage ist nämlich nicht die, ob das Bild eines Hauses im Netz zu finden ist. Vielmehr lassen sich nun weitere Daten z.B. über die jeweiligen Bewohner des Hauses erstellen und sammeln. So hätte man bis vor 1,5 Jahren in der Knesebeckstrasse 75 in Berlin sehen können, dass ich dort wohne. Diese Daten und viele weitere können dann zu Profilen zusammengestellt werden und vielfältig genutzt werden. So könnten Einbrecher sich bereits im Internet einen potentiellen Einbruchsort ausspähen. Versicherungen könnten sich anhand der vorliegenden Profildaten überlegen, ob sie die Person versichern möchten. Banken könnten anhand solcher Profile entscheiden, ob sie einen Kredit vergeben und wenn ja mit welchen Konditionen. Arbeitgeber könnten bei Stellenbewerbern mit den Daten aus Google Street-View das Lebensumfeld der Bewerber analysieren und überlegen, ob sie diesen Mitarbeiter haben wollen – obwohl er in einer unbeliebten Gegend wohnt. Es geht vielen Kritikern um die berechtigte Frage, was mit unserer Privatsphäre geschieht, wenn immer mehr Daten über uns ungefiltert im Internet zu finden sind.

Bei all diesen Kritikpunkten sind mir folgende Gedanken gekommen:

  1. Alles was hier an Szenarien beschrieben wird hat letztlich nichts mit Google zu tun. Street View ist eine Plattform. Die Kritikpunkte beziehen sich aber auf Menschen, Unternehmen und Institutionen, die diese Plattformen potentiell nutzen könnten um Menschen auf die eine oder andere Art und Weise zu schaden. Die Kritik an Street View erscheint mir vor allem eines zu sein: ein Symptom für ein tiefgehendes Misstrauen. Wir glauben, dass derartige Technologien in der Regel gegen uns genutzt werden. Wir möchten unerkannt bleiben, nicht weil wir Leichen im Keller haben, sondern weil wir denen misstrauen die unsere Daten sammeln und bearbeiten. Dies alles ist gerechtfertigt. Auch ich möchte nicht, dass über mich Daten gesammelt werden, bei denen ich nicht weiß wie sie von wem interpretiert und genutzt werden. Aber eines ist mir auch klar: die kontinuierliche Sammlung von Informationen über Menschen, Ideen, Handlungen, Unternehmen etc. findet auch ohne Street View statt. Auch ohne Street View werden kontinuierlich Daten über mich gesammelt. Auch ohne Street View überlegt sich meine Bank, ob sie mir einen Kredit gibt. Auch ohne Street View können Menschen auf die Idee kommen, in meine Wohnung einzubrechen. Und bei all dem wird dies durch Googles Angebot nicht leichter. Aber möchte ich überhaupt für ein Unternehmen arbeiten, dass alles über mein Privatleben wissen möchte oder etwas gegen meinen Stadtteil hat? Möchte ich mit Menschen zusammenleben, die mich verurteilen, weil ich auf einem Foto bei Facebook mit einem Cocktail zu sehen bin?

  2. Vielleicht fällt mir dies alles leichter, weil ich eh die ganze Zeit online bin, und über Twitter, Facebook und Foursquare kontinuierlich Statusmeldungen über meinen Aufenthaltsort abgebe. Und sicherlich ist es kein schöner Gedanke, dass man Bilder von mir online finden könnte, ohne dass ich gefragt wurde. Aber m.E. reden wir hier von persönlicher Willkür. Wenn ich in den Zeitschriftenladen gehe, kann ich eine Vielzahl an Boulevardzeitschriften finden. Diese Zeitschriften, deren Informationsgehalt wahrscheinlich auf einen Bierdeckel passt, erfreuen sich großer Beliebtheit. Und worum geht es dabei? Über persönliche Daten von vermeindlichen oder realen Prominenten. Ist Brad Pit noch mit Angelina Jolie zusammen? Wer hat alles Krebs? Wo wohnen die Promis? Wo gehen sie essen? All das wollen wir wissen. Es scheint ein Grundrecht auf persönliche Informationen von “bekannten” Menschen zu geben. Wenn der Konsument solcher Daten aber nun in die Situation kommt, dass man über ihn Daten sammeln könnte ist dies alles plötzlich falsch? Sind unsere Daten „behütenswerter“ als andere? Und geht es bei all diesen Boulevardzeitschriften nicht auch nur um Geld? Um Auflagen? Um Werbeeinnahmen?

  3. Wenn es ein Recht gibt, das die eigenen Daten nicht im Netz zu finden sind – müsste es dann nicht auch ein Recht geben, dass die eigenen Daten im Netz erscheinen? Gibt es nur ein Recht auf Unsichtbarkeit – aber keines auf Sichtbarkeit? Ich meine damit nicht ein Recht auf die Daten anderer aber auf meine eigenen Daten. Wenn wir Plattformen wie Google Street View verbieten möchten, sollten wir dies auch gleich mit allen Plattformen tun die mit Videos oder Bildern arbeiten. Wenn also ein Immobilienmakler eine Wohnung bei immoscout24 anbietet – soll er dann vorher alle Hausbewohner um Erlaubnis bitten, dass diese Fotos des Hauses im Netz erscheinen? Und müsste er dann nicht auch potentielle Mieter in der Zukunft um Erlaubnis bitten? Denn was ist wenn er ein Video über die Wohnung online stellt? Weiß dann nicht jeder wie meine Wohnung aussieht? Was ist mit Flickr? Oder mit Youtube? Wären wir heute in der Lage, alle Daten plattformunabhängig zu verbinden, bräuchten wir überhaupt kein Street View mehr. Wir müssten nur die Daten die bereits im Netz sind zusammenstellen. Die Dateien müssten dafür getaggt werden und voila: alles ist sichtbar. Bleibt die Frage: Was ist überhaupt sichtbar? Street View macht mir schon allein deshalb keine Angst, weil ich seit Jahren nur in Dachgeschosswohnungen wohne. Google Earth war da schon etwas anderes. Ich kann auch bei meiner jetzigen Wohnung mittels Google Earth auf unseren Balkon blicken. Aber welch eine Enttäuschung. Die Bilder sind so alt – was man sieht sind die Sonnenschirme unserer Vormieter. Das ist bei Google Street View übrigens nicht anders. Auch diese Daten sind vor allem eines: alt. Und ich gebe zu ich vertraue Google insofern, dass ich davon ausgehe, dass Menschen verpixelt werden.

  4. Kennen Sie den Film „Die Truman Show“? Dieser Film mag für alle Menschen die sich Sorgen über eine mögliche totale Überwachung machen als mahnendes Beispiel dienen. Und natürlich fiebert man mit, ob Truman es schafft, sich der totalen Überwachung zu entziehen. Am Schluss darf er sich entscheiden, ob er sich zurück in die Sicherheit der Überwachung begibt, also in die ihm bekannte Welt, die ihn überwacht, die ihn kennt und schützt – auch wenn sie entzaubert wurde – oder ob er rausgeht in die reale Welt, mit all ihren Chancen und Risiken. Für mich ist aber ein Satz des Hauptdarstellers am wichtigsten „Ihr hattet nie eine Kamera in meinem Kopf“. Unternehmen mögen Informationen sammeln. Sie mögen wissen, wann ich etwas wo gekauft habe. Aber was wissen sie wirklich über mich? Vielleicht sollten wir alle Menschen dazu aufrufen, ein Bild von sich ins Netz zu stellen, bei dem man die Person mit einem Bier in der Hand sieht. Dann wäre zumindest das Thema Alkohol und Internet gelöst. Wenn es alle machen scheint es nicht mehr wichtig zu sein. Vielleicht ist es dann sogar cool:-)

  5. Die Diskussion um Street View und Co. ist wichtig. Die Frage, was mit unseren Daten passiert ist wichtig. Ein wichtiger Baustein ist Medien- und Informationskompetenz und ich behaupte, dass es den meisten Menschen, Institutionen und Unternehmen daran mangelt. Aber letztlich geht es um die Frage, wie das Internet – und viele weitere Kommunikations- und Kulturformen – unsere Gesellschaft verändern. Was wir im Moment erleben ist vor allem eines: Ohnmacht. Google Street View ist nicht plötzlich aus dem Nichts erschienen. Die Idee war bekannt. Die Kamerawagen waren unterwegs. Alles war sichtbar. Und es geschah wenig. Zudem ist Google Street View nicht das einzige und nicht das erste Projekt, welches sich mit der Sammlung von Daten im Internet beschäftigt. Wie bereits erwähnt haben unsere Sorgen und Ängste weniger mit Street View selbst als vielmehr mit den Menschen, Institutionen und Unternehmen die die dabei entstehenden Daten negativ nutzen zu tun. Aber sollte es dann nicht darum gehen, Wege zu finden damit genau das nicht passiert? Konzentrieren wir uns vielleicht auf das falsche Projekt? Das Internet ist keine Technologie die sich unserer Kontrolle entzieht. Das Internet wird von Menschen gestaltet – nicht von Maschinen. Es sind die Menschen die Inhalte erstellen und nutzen und wir brauchen nicht nur eine Diskussion sondern auch eine neue Art des Umgangs miteinander um dieser Herausforderung gerecht zu werden. Dafür ist es notwendig, das Internet nicht mehr als quasi gesellschaftsextern anzusehen. Das Internet ist Teil unserer Realität und in ihm spiegeln sich all die Vor- und Nachteile des menschlichen Zusammenlebens wieder. Da es von Menschen gemacht wird, hat es die genau die gleichen Probleme wie jede andere Struktur, die ein Werk von Menschen ist und wir können in ihm Probleme erkennen, die wir auch in der sog. realen Welt wiederfinden. Das Online-Misstrauen ist kein virtuelles sondern ein reales Problem – es wird nur im Internet anders wahrgenommen.

  6. Im Moment konzentriert sich die Wahrnehmung sehr stark auf die Politik. Die Politiker sollen es richten. Aber Politiker können nur innerhalb ihrer Systemlogik handeln. Sie nutzen die ihnen bekannten Werkzeuge und Strategien um das Problem zu lösen. Dabei müssen wir langsam erkennen, dass dies nicht ausreichen wird. Versteht mich nicht falsch. Dies soll nicht die klassische Politikerschelte werden. Aber das System Politik ist mit dem System Internet nicht kompatibel. Politik ist in der Regel zu langsam, um derartige Prozesse zu verstehen oder gar zu gestalten. Es fehlt zudem an Know How – einen Account bei Facebook zu haben heißt nicht Teil des Web 2.0 geworden zu sein. Wenn wir erwarten, dass die Politik die richtigen Entscheidungen z.B. in Form von Gesetzen trifft, werden wir m.E. ihrer Logik nicht gerecht. Im Gegenteil – wir nehmen ihr die Möglichkeit, ihren Platz in der neuen Medienwelt zu finden. Es ist wichtig, dass es Enquete-Kommissionen und Gesetzentwürfe gibt. Politik muss auch im Netz stattfinden – aber sie wird alleine weder gültige Regeln aufstellen noch das Internet gestalten können.

  7. Ich glaube, dass wir uns darauf konzentrieren sollten, was das Internet eigentlich ist. Als Beispiel möchte ich das folgende Bild nutzen:

Ich habe dieses Bild schon öfter in Präsentationen genutzt. Es zeigt das Stadion von Eintracht Braunschweig. Das Stadion an sich ist völlig irrelevant. Was es bedeutsam werden läßt sind die Menschen, die es füllen. Es sind die Fans, die Manschaften etc. Das Stadion selber ist nur eine Plattform – das Entscheidende sind die Menschen. Genauso verhält es sich m.E. mit dem Internet. Das Internet ist weder Maschine noch Unternehmen – es ist nicht mehr als eine riesige Ansammlung von Menschen, die diesen virtuellen Raum auf unterschiedlichste Art und Weise mit Inhalten füllen. Daraus resultiert, dass jeder das Internet mitgestalten kann. Und nun kommen wir zu den Kultur- und Wissensinstitutionen. Wenn diese einen Einfluss auf die Gesellschaft haben (wollen) dann gehört m.E. auch die aktive Gestaltung der unterschiedlichen Lebensräume mit dazu. Auch das Internet kann Museum, Oper, Universität oder Bibliothek sein. Gewiss es gibt eine Vielzahl an tollen Projekten unterschiedlicher Institutionen im Internet. Aber es ist nicht die breite Masse an Institutionen die das Internet mit ihren Inhalten füllt. Es wird nicht ausreichen, einfach nur dabei zu sein. Vielmehr wird es darum gehen, das Internet nicht durch Gesetze sondern durch Inhalte und damit verbunden Verhaltensweisen zu gestalten. Für die Kultur- und Wissensinstitutionen gibt es also neben der Kultur- und Wissensvermittlung und dem Marketing noch einen weiteren Grund, an vorderster Stelle Teil des Internets zu werden.

Christoph Deeg

3 Gedanken zu „Google und das große Fürchten…

  1. Endlich mal eine durchdachte Stellungname zu Streetview, nach dem vielen dummen Zeugs dazu in allen Medien wichtig!

    Ob das Bild des Stadions trägt? Vielleicht wäre ein Bolzplatz besser, auf dem alle mitspielen oder zuschauen können? Aber am besten gefällt mir: “Vielmehr wird es darum gehen, das Internet nicht durch Gesetze sondern durch Inhalte und damit verbunden Verhaltensweisen zu gestalten” – das kann nicht oft genug betont werden!

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